Wenn Wissen verschwindet – Schätze im Museumsdepot #dailyvanish

Saint Louis - #dailyvanishPuh … über was soll ich nur schreiben? Meine Irritation über die Blogparade von Sebastian Hartmann „Dinge, die aus unserem Alltag verschwinden #dailyvanish“ war vermutlich genau so groß, wie seine über meine Blogparade #KulturEr. In den letzten Tagen kristallisierte sich dann ein Idee heraus – wenn Wissen verschwindet, gibt es Schätze im Museumsdepot – das passt hervorragend zum Thema. Museumsdepots beherbergen Objekte, die in vergangenen Zeiten zum Alltag zählten, heute für uns oft weder greifbar noch erkenn- oder zuordbar sind. Ganz nebenbei jubele ich Euch einen leicht kunsthistorisch angehauchten Artikel unter – hurra!

Ursprünglich wollte ich über Diaprojektoren aus meiner Studizeit schreiben. Ich schaffte mir damals gar einen an, weil ich mich an Zeitvorgaben halten wollte, zugleich sollte es mir nie wieder passieren, dass Dias just vor dem Einsatz in Unordnung geraten (siehe Punkt 8 meiner 20 Dinge). Und dann das: Stephanie verfasste einen herrlichen Artikel über Diaprojektoren. Mir war klar, ich werde an #dailyvanish nicht mehr teilnehmen. Erst der Post über eine Blocksonnenuhr im Archiv des Museum Burg Postersteins brachte mir die Eingebung für mein heutiges Thema „Wenn Wissen verschwindet – Schätze im Museumsdepot“.

Museumsdepots – ein Highlight für das Kunsthistorikerherz

Kunst wird fassbar und damit Recherche unmittelbar. Weg von der Theorie, hin zur Praxis bzw. das angelesene Wissen muss am Objekt überprüft werden. Dazu ist ein Gang in den Depots relevanter Museen unabdingbar. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Prof die Studenten in der Luft zerriss, die vor dem Original nur ihr angelesenes Wissen wiedergaben und dieses nicht am Werk reflektierten. Denn manches, was dabei herauskam, war tatsächlich einfach nur absurd – ein Blick hätte genügt, das zu erkennen.
 
Museumsdepots bedeuteten und bedeuten mir noch immer sehr viel. Ein Gefühl der Erhabenheit, aber auch der Freude die Objekte, die nicht ausgestellt sind, zu sehen, beschlich mich grundsätzlich, kompensierte durch das Doktorat „erlittene“ Entbehrungen. Gut, dass ich mich ganz viel mit der christlichen Konzeption der „Passio“ (= Leiden) sowie „Compassio“ (= Mitleiden) Christi befasst habe. Unglaubliche Emotionen stellten sich im Museumsdepot vor den Originalen ein, ein prägendes Hochgefühl.

Schätze im Museumsdepot und Einsatz einer Eliteeinheit

Ich werde nie meinen Besuch im Skulpturendepot des Musée archéologique in Dijon vergessen. Hier untersuchte ich die skulpturalen Fragmente des Kalvarienbergs vom Mosesbrunnen Claus Sluters. Der Museumsmitarbeiter parkte mit mir das Auto gerade vor dem am Stadtrand befindlichen Museumsdepot, als wir plötzlich schwarze, vermummte Gestalten, die sich vom Dach des Depots abseilten, gewahr wurden. Ein krasser Film, in dem wir uns da befanden. Erst zwei Tage zuvor gab es einen Einbruchsversuch im Depot. Tatsächlich handelte es sich bei den Schrecken einjagenden Gestalten nur um die Übung einer Eliteeinheit der Polizei. Gedopt und mit geschärften Sinnen ging ich ins Depot …
 
… dann hatte ich sie endlich in den behandschuhten Händen: die Beine Christi sowie die Arme der Sünderin Maria Magdalena, die den Kreuzstamm ursprünglich umschlungen hielt. Die bildhauerische Qualität faszinierte mich. Die detaillierte, klug komponierte Ausführung ist schlicht unglaublich. Unglaublich deshalb, weil der hohe Aufstellungsort der Skulpturen die Details dem Blick des Betrachters entzog, ein Beleg dafür, dass Sluter den Brunnen als Gesamtkunstwerk begriff und konzipierte. In der Literatur wird er mitunter als Vorläufer Michelangelos bezeichnet. Damit ist nicht die Chronologie gemeint, sondern die bildhauerische Genialität des Künstlers, das Ausdrucksvermögen seiner Figuren.

Der Mosesbrunnen – Werk tagtäglicher Inspiration

Der Mosesbrunnen befand sich ursprünglich in der Chartreuse de Champmol in Dijon (1395-1405) und leitete mit zur täglichen Andacht an. Die Schlafgemächer der Mönche gruppierten sich im Kreuzgang um den Brunnen herum. Fenster in den Türen gewährten den Blick auf das Ensemble. Die Skulpturen waren polychrom, d.h. mehrfarbig gefasst (= bemalt), vor allem vergoldete Partien der Gewandungen dürften das Licht reflektiert und die Aufmerksamkeit gebannt haben. Die sechs Prophetenskulpturen, die den Brunnen umstanden, besaßen zusammen mit dem Kalvarienberg einen klaren Auftrag innerhalb der tagtäglichen Frömmigkeitsausübungen der Kartäusermönche, aber auch des Anspruchs des herzoglichen Stifters. Für uns ist das Ensemble als Einheit verschwunden. Wissenschaftlich wird noch immer um die Deutung gerungen. Aber das ist jetzt ein anderes Thema. Nur eines noch: Ratet mal von wem das Headerbild Jeremias meines Blogs stammt?
 
Für die von Euch, die an dem wissenschaftlichen Diskurs des Mosesbrunnen interessiert sind, gibt es hier den Vortrag von Susie Nash, die mit liebgewonnenen Interpretationen stichhaltig bricht – sorry, hier kommt die Kunsthistorikerin durch.

Saint Louis im Depot des Musée de Cluny

Ein anderes Beispiel für verschwundene Objekte, für verschwundenes Wissen ist die etwas über 60 cm hohe Holzskulptur des heiliggesprochenen französischen Königs Ludwig IX. Sie befindet sich im Depot des Musée de Cluny. Ich analysierte sie im Rahmen meiner Dissertation über das französische Königsbild im Mittelalter. Die Statuette ist sehr umstritten, einerseits aufgrund der unklaren Provenienz (= Herkunft), anderseits aufgrund der Datierungsfrage. Leider ist sie der Öffentlichkeit entzogen, eben weil sie viele Fragen und Unsicherheiten aufwirft, wenngleich Wissenschaftler jederzeit Zugang zu ihr erhalten. In meiner Dissertation widme ich ihr ein ganzes Kapitel. Ich stelle sie so bewusst zur Diskussion. Dafür steckte ich ordentlich „Prügel“ ein und werde diese vielleicht weiterhin aushalten müssen, aber das ist für mich nebensächlich, wenn am Ende über meine bald veröffentlichte Dissertation das Geheimnis der Statuette gelüftet wird. Eines ist klar, sie diente der Andacht. Heute ist sie im Depot verschwunden. Laien werden sie nicht sofort verstehen, erstens weil uns Frömmigkeitsausübungen nicht mehr so geläufig sind, zweitens die Figur nicht ohne weiteres als Saint Louis erkennbar ist. Dazu verlangt es historische sowie ikonographische Kenntnisse.

Hat das nun etwas mit #DailyVanish zu tun? Ja! Verschwundenes Wissen und Schätze in den Museumsdepots zählen für mich definitiv dazu. Ich wünsche Euch allen eine schöne Weihnachtszeit sowie einen wunderbaren Rutsch ins Neue Jahr. Wir sehen und lesen uns dann 2014 wieder!

Nachtrag

Ein absoluter Lesetipp ist der Blogpost des Städelmuseums in Frankfurt zum Thema: „Verborgenen (Kunst-)Schätzen auf der Spur: Ein Blick in die Depoträume des Städel“ (16.01.2014)

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13 Kommentare

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    • Tanja Praske

      Liebe Carolin,

      merci! Jep, über euren Blog bin ich auch schon gestolpert. Wünsche weiterhin viel Erfolg.

      Schöne Grüße aus München
      Tanja

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  10. Liebe Tanja,
    oh nein, das tut mir ja wirklich leid! Da habe ich dich unwissentlich aus deinem kreativen Prozess gekickt. Sorry!
    Die Idee mit den Depots ist wirklich klasse! Ich liebe selbst Museumsdepots und habe während meines Volontariats auch in einem solchen gearbeitet. Es liegt so vieles Verborgenes, Vergessenes, Wunderbares dort an altem Wissen, man kann es fast gar nicht beschreiben. Es ist ja nicht nur die Kunst, sondern auch vieles an altem Handwerk und Alltagsgegenständen. Und eigentlich schlummert es nur seinen Dornröschenschlaf, denn wenn es irgendwann einmal von einem Depotmitarbeiter wieder hervorgezogen wird, ist die Begeisterung groß.
    Ich wünsche dir ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
    Viele Grüße aus Bonn
    Stephie

    • Tanja Praske

      Liebe Stephanie,

      nein, alles wunderbar – dein Diaprojektor-Post ist einfach prima! Bin dir sehr dankbar dafür, denn dadurch kam mir die Idee mit den Museumsdepots. Ein Artikel, der mir sehr viel Freude beim Verfassen bereitet hat. Ich wollte schon immer einmal darüber schreiben, was mir bei der Recherche so alles passiert ist.
      Ich werde jetzt eine Bloggerpause einlegen, da ich meine Doktorarbeit vom Tisch ins Netz bringen möchte. Dazu fehlt mir nur der Abbildungsnachweis, leider eine etwas umfänglichere Sache. Sobald das erledigt ist, bin ich hier wieder on.
      Dir wünsche ich auch ein wunderbares Jahr 2014 – bin echt froh, dass du der Blogospähre beigetreten bist – bitte weiter so!

      Herzlich,
      Tanja