Kaltmamsell von Vorspeisenplatte übers Bloggen, Digitalisierung & Kultur | #Interview

Kaltmamsell von Vorspeisenplatte spricht im heutigen Montagsinterview viel übers Bloggen, etwas über Digitalisierung sowie Kultur und einiges über Webmechanismen mit digitaler Kommunikation. Positiv, aber ohne rosarote Brille bewertet sie das Netz. Wie nutzt das Böse Innovationen? Webcheckertum ist gefragt. Was empfiehlt sie Museen? Literatur und Kulturgenuss bedeutet ihr was? Wie sieht sie die Foodbloggerszene? Viel Inspiration!

Street art in München an der Isar: Ein Wolpertinger, der wie King Kong auf den Türmen der Frauenkirche hockt und statt der weißen Frau eine Weißwurst würgt. Gefunden von Kaltmamsell von Vorspeisenplatte.

Das München der Kaltmamsell von Vorspeisenplatte hat sehr viel mit der Isar zu tun, an der sie mindestens einmal die Woche entlang joggt. Dort hat sie 2008 unter der Brudermühlbrücke ihr liebstes Münchenbild gefunden: Einen Wolpertinger, der wie King Kong auf den Türmen der Frauenkirche hockt und statt der weißen Frau eine Weißwurst würgt. Foto: die Kaltmamsell.


Nachgefragt bei Kaltmamsell von Vorspeisenplatte – vielfältiger Kulturgenuss

Liebe Kaltmamsell,
wir kennen uns nur im Netz, wohnen beide in München und uns vereint das Bloggen. Als Anke Gröner meinen Artikel zu Museumsdepots vertwitterte hast du den Link bei dir im Blog aufgeschnappt, seither lese ich immer wieder etwas von dir. So manches Mal schmunzle ich über deine scharfe Zunge und folge deinen Links, die mich oft bereichern. Da ich mit den Montagsinterviews die bunte Vielfalt der Blogosphäre zeigen möchte, war es für mich klar, dich zu befragen. Danke, dass du mitmachst!

1. Stell dich doch bitte kurz vor: Wer bist du (als Kaltmamsell)? Was ist dein beruflicher Hintergrund?

Ich bin eine rüstige End-Vierzigerin, in Ingolstadt geboren und aufgewachsen, und ich lebe seit 18 Jahren in München. Gelernt habe ich Journalismus (Tageszeitung, Radio) und Literaturwissenschaft, Geld verdient habe ich zudem mit Sprachunterricht (Englisch in der Erwachsenenbildung) und viele Jahre mit Public Relations (Pressearbeit, interne Kommunikation, Corporate Publishing). Auf meinem aktuellen Arbeitsvertrag steht „Sachbearbeiterin“.

2. Du bist eine Bloggerin der ersten Stunde. Seit 2003 bloggst du auf www.vorspeisenplatte.de über deine Gedankenwelt und Tageserlebnisse. Und die sind facettenreich. Tatsächlich dürfte für viele etwas darunter sein: Alltagsgeschehen, Aktuelles, Lesetipps, Denkstoff. Was bedeutet dir das Bloggen? Wie würdest du deinen Blog bezeichnen – als Tagebuch-, Geschichtenblog oder ganz anders?

Ich mag den Begriff „Journal“ und sehe mich am ehesten in der Tradition eines Samuel Pepys. Nur dass ich das halt andere mitlesen lasse. Mit der Zeit ist mein Blog auch zu einer Chronik geworden, in der ich mein eigenes Leben nachschlagen kann: Habe ich vor fünf Jahren den ersten Morgenkaffee auf dem Balkon schon im April getrunken? Wie hieß nochmal diese Bodega in Ávila auf dem Spanienurlaub vor zehn Jahren? Woher hatte ich nochmal das Rezept für die Aprikosentarte?

3. Dank eines Interviews auf kulinarische-momentaufnahmen weiß ich nun, dass du erst deinen Mitbewohner vom Bloggen überzeugtest, damit dieser sich eher im Netz über seine Themen auslässt als bei dir, bevor du selbst kurz danach anfingst zu bloggen. Hat sich in deiner Themenwahl, deiner Einstellung zum Bloggen, deiner Schreibe von 2010 an bis jetzt etwas verändert?

Eigentlich nicht, es hat sich so entwickelt, wie ich mich auch als Mensch entwickelt habe. Bloggen ist für mich weiterhin viel Mit-Teilen: Da! Guckt mal, was ich gefunden habe! Was ich gesehen habe! Was es so gibt! Ist das nicht faszinierend?

München ist bunt – so wünscht sich die Kaltmamsell auch ihr Blog „Vorspeisenplatte“. Foto: die Kaltmamsell

4. Die Rezepte werden in den letzten Jahren bei dir spärlicher, wenngleich du auf gerade vertilgte, gut schmeckende Gerichte verlinkst. Ist heute etwas anders zu dem, was du im Interview geäußert hast? Gibt es etwas, worüber du noch nicht geschrieben hast, es aber gerne tätest? Vermutlich eine unangemessene Frage für dich, oder?

Tatsächlich koche ich weniger, da Herr Kaltmamsell immer aktiver in der Küche geworden ist. Er ist der kulinarisch abenteuerlustige von uns beiden, möchte Ideen ausprobieren (derzeit schlägt sich nieder, dass er einen 700-Seiten-Wälzer über die Geschichte der englischen Küche liest) , hat auch an einem Wochentag abends noch Lust auf die Zubereitung mehrerer Gänge. Und ich habe dabei gelernt, dass ich noch einen Tick lieber esse als ich koche.

Die Welt der Foodblogs hat sich seit dem Interview 2010 völlig verändert. Hier fand schnell eine Professionalisierung und gezielte Kommerzialisierung statt: Zum einen traten neue Foodblogs in Bild und Text auf sehr hohem Niveau auf, zum anderen wollten sie dafür aber auch Geld sehen. Auch viele der damals bereits etablierten Foodblogs sind mittlerweile von Firmenkooperationen und Berichten über PR-Veranstaltungen dominiert.

5. Witzige Twitterlieblinge verbloggst du einmal im Monat. Dein Twittername „Kaltmamsell“ sprang mich an, ein gastronomischer Begriff für eine Person, die für die kalten Speisen und Buffets zuständig ist. Spannend finde ich grundsätzlich die Entwicklung des alten, vergessenen Begriffs der „Mamsell“. Passt also hervorragend zum Blognamen „Vorspeisenplatte“. Hattest du beides gewählt – gut Twitter kam erst viel später auf -, um auf den Foodkontext hinzuweisen? Oder verbindest du damit eine weitere Deutungsebene bezogen auf die Themen, die nichts mit Food zu tun haben und im Blog überwiegen?

Als ich 2003 mit dem Bloggen anfing (Omma erzählt von Kriech), gab es zwei Sorten Blogs: Technikblogs und Lebensblogs, letztere wurden gern als „Tagebuchblogs“ bezeichnet. Die Nicht-Technikblogs zeichneten sich durch eine gewissen literarische Qualität aus und enthielten die Themen, die die Bloggerinnen und Blogger halt interessierten, ihnen begegneten (Ekkehard Knörer hat im Merkur sehr schön von diesen Zeiten erzählt). So eines begann auch ich. Dass Gerichte und Kochen Thema sein würden, war mir von vorneherein klar; in erster Linie wollte ich englische Küche ein wenig populärer machen. Und ich mochte die Kurzform der Blogtexte: Eher Häppchen als Menüs in mehreren Gängen. Das Wort „Vorspeisenplatte“ gefiel mir zudem besonders gut; ein Check ergab, dass die gleichnamige Domain noch frei war. Daraus folgte so logisch, wie du es beschrieben hast, dass die zugehörige Autorin „Kaltmamsell“ heißen würde. Da in diesen Zeiten die meisten Menschen im Web unter Nick Name unterwegs waren, trat ich auch auf anderen Plattformen damit auf – bislang war ich noch auf allen neuen Plattformen früh genug dran, dass „Kaltmamsell“ noch zu haben war.

6. Beim Stöbern in deinem Blog brachtest du mich oft zum Schmunzeln, wie in „Provinz München“ (2003) – fühlte mich da umgehend an das Interview mit Friederike vom Landlebenblog erinnert – oder in deinen Oktoberfestgeschichten bzw. -fluchten. Grandios ist „An Kalorien glaube ich nicht“ – wunderbar fundiert und locker nimmst du darin das Kalorienzählen aufs Korn. Scharf beobachtest und schonungslos, aber humorvoll beschreibst du deine Umwelt und Situationen. Woher kommt diese leichte und lebendige Schreibe? Kannst du Bloggern Schreibtipps geben? Was rätst du uns?

Vielen Dank für das Kompliment – wahrscheinlich profitiere ich davon, dass ich aus dem Schreiben komme (siehe oben Beruf). Außerdem finde ich die Irrelevanz des Bloggens (niemand liest Blogs – mit Ausnahmen) als ungemein beflügelnd und befreiend.

Schreibtipps, die ich schon Kommilitoninnen und Kommilitonen während des Studiums gegeben habe: Wenn das, was du schreiben willst, einfach kein Text werden will – erzähl’s dir erst mal selbst und nimm dich dabei auf. Dann schreib’s ab.

Straßenszene, beschmierte Wand mit Aufschrift Eleganz Grammatik, Mann mit Einkaufsanhänger geht vorbei. Vorspeisenplatte

Sprache ist der Kaltmamsell manchmal wichtiger, als ihr lieb ist. Foto: die Kaltmamsell.

7. Literatur, vor allem die englischsprachige ist eine Passion von dir. Du hast einen kleinen Lesezirkel. Die Idee über Literatur zu sprechen ist eigentlich alt, wird aber in der Jetztzeit bei Smartphone und Co kaum mehr gepflegt. Wie oft trefft ihr euch? Und was bedeutet dir Literatur? Wirkt sie sich irgendwie auf deine Art zu schreiben aus?

Wird wirklich heute weniger über Literatur gesprochen als in Zeiten vor Smartphone und anderen mobilen Internetzugängen? Heutzutage können in unserer Gesellschaft mehr Menschen lesen und schreiben als je zuvor (meine Großeltern zum Beispiel waren noch Analphabeten), es werden so viele Bücher verkauft wie nie zuvor, das Internet hat sogar eigene Plattformen für das Gespräch über Bücher geschaffen (z.B. Goodreads, Sobooks).

Mit meiner Leserunde treffe ich mich etwa einmal im Monat, reihum zu Hause bei einem oder einer der Mitlesenden. Aufgeschriebene Geschichte liebte ich schon immer; zwar gehöre ich zu den wohl wenigen Vielleserinnen, die erst in der Schule lesen lernten, aber ich habe seither nicht damit aufgehört. Englische Literaturwissenschaft war dann auch mein Magisterfach, und es wäre mein Traumberuf gewesen, über englische Literatur zu forschen, zu reden und zu schreiben. (Habe die Armut und Einsamkeit einer akademischen Karriere nicht durchgehalten.)

Kaltmamsell auf dem Balkon lesend mit dem Rücken zu uns gewandt.

Wer viel schreibt, liest meist auch viel. Foto: Herr Kaltmamsell.

8. Du warst auf der re:publica 2017. Wie siehst du die Digitalisierung der Gesellschaft? Welche Chancen und Risiken sind für dich damit verbunden?

Was mit „Digitalisierung der Gesellschaft“ gemeint ist, weiß ich nicht so recht. Elektronische Geräte statt mechanischer? Alles mit Internet? „Digitalisiert“ waren doch schon Jaquard-Webstühle am Anfang des 19. Jahrhunderts – aber das ist wohl nicht gemeint?

Möglicherweise bezeichnen Menschen damit einfach die immer schnellere technische Entwicklung in allen Bereichen der Gesellschaft. Emotional bin ich Technik-Optimistin, nicht zufällig schreibe ich im Techniktagebuch mit. Nach meiner Überzeugung haben technischer und wissenschaftlicher Fortschritt die Welt verbessert und sind die Basis für das globale Ansteigen des Lebensstandards.

Und ich dachte wirklich, dass auch das Internet wenn zwar nicht direkt zum Weltfrieden führen, aber sicher die Welt besser machen würde: „Everybody has a voice!“ war die begeisterte Entdeckung, wegen der die Deutsche Welle schon 2004 international „Best of the Blogs“ prämiierte – drei Jahre war ich dort Jurymitglied. In den Publikationsmöglichkeiten des WWW sah ich die Chance, dass sich jeder an öffentlichen Diskussionen beteiligen konnte, dass einzelne sich sichtbar machen konnten, dass nicht nur die ohnehin mächtigen dominierten. Mittlerweile muss ich mir eingestehen, dass ich naiv war: Die Bösen haben die Technik effizienter und effektiver genutzt als die Guten, heute ist es klug, bei jeder neuen produktiven Nutzung des Internets zu bedenken, wie die Bösen diese neue Technik missbrauchen könnten.

Die Chancen sind für mich immer noch dieselben wie vor 16 Jahren, als ich im brandeins-Diskussionsforum aktiv ins Web einstieg: Die Verbindung mit faszinierenden Menschen, denen ich ohne diese Kommunikationsform niemals begegnet wäre. Der schnelle Austausch von Wissen und Gedanken – auch von Gefühlen. 90 Prozent der tiefen menschlichen Verbindungen, die ich in diesen vergangenen 16 Jahren geschlossen habe, begannen mit Web-Kontakt. Das ist mein Web und wird es vermutlich immer bleiben, auch wenn der Rest des Web sich schon heute in eine völlig andere Richtung entwickelt hat: Kommerzieller Nutzen von Inhalten und Verbindungen steht im Vordergrund, Suchmaschinenoptimerung und Traffic-Steigerung. Und statt Menschen in unfreien Gesellschaften mehr Freiraum zu geben, wird die Internet-Technik viel erfolgreicher genutzt, um Dissidenten zu verfolgen. Wer heute Web-Checkertum beweisen will, erzählt nicht davon, welche Web-Tools er oder sie einsetzt – sondern welche sie zum Selbstschutz nicht nutzen.

Frau im Profil mit Hut und Feder aufgesteckt. Kaltmamsell von Vorspeisenplatte

Auch Teil der Vorspeisenplatte: Berichte über Wanderungen, hier in den Cotswolds mit Fasanenfeder im Hut. Foto: Herr Kaltmamsell.

9. Kultur-Museums-Frage: Was müssen Museen in deinen Augen tun, um dich oder die Menschen allgemein zu erreichen? Was fehlt und was gefällt dir an ihnen? Ich las bei dir sehr gerne „Bayerisches Nationalmuseum, Der große Glander“. Seit 2016 hat sich viel getan. Es lohnt sich den erst im Dezember 2016 wiedereröffneten Riemenschneidersaal aufzusuchen. Hinsichtlich der von dir angesprochenen Öffentlichkeitsarbeit gibt es neue Entwicklungen: Sie erkunden das Digitale für sich mit Facebook , Instagram (die Bildsprache ist großartig) und mit Blogbeiträgen. Bei mir im Kunstblick schrieben zwei Kuratoren wunderbare Artikel. Ein dritter Beitrag anlässlich des #HohenzollernWalk-s auf der Cadolzburg am 1. Juli 2017 ist in der Pipeline. Was denkst du über analog-digitale Angebote von Kulturinstitutionen?

Online-Plattformen für den Austausch mit der interessierten Museumsöffentlichkeit zu nutzen, halte ich für eine ausgezeichnete Sache, und die Schlossspaziergänge finde ich sehr charmant. Allerdings wissen wir ja beide, wie aufwändig ein Austausch wäre, der dem Bayerischen Nationalmuseum tatsächlich einen Bekanntheitsschub verschaffen würde – sagen wir mal als Ziel: Jedem Touristen, der Neuschwanstein sehen möchte, sollte das Bayerische Nationalmuseum als nächster Anlaufort einfallen. Dann müsste man nämlich wirklich rausgehen auf die Plattformen, auf Facebook, Instagram und in Blogs weltweit Gespräche und Posts finden, die thematisch zum Museum passen, dort mitreden und sich als Vertreterin des Bayerischen Nationalmuseums zu erkennen geben. Mit fünf Vollzeitstellen sollte das Ziel so in drei bis fünf Jahren erreichbar sein.

Vielleicht aber erreicht man dieses Ziel doch einfacher mit klassischer Werbung – und Social Media sind ein schönes Mittel zum Erzeugen von Nähe.

Selbst schätze ich an Museen bequemen Zugang zu Zusatzinformationen. Die Tate Gallery zum Beispiel stellt nicht nur ein klasse WLAN zur Verfügung, sondern darüber auch Infos, die man per Smartphone abrufen kann. Das wäre mal ein sinnvoller Einsatz von QR-Codes: An den Exponaten, um sich hinterlegte Online-Infos aufs Smartphone zu holen – die im Gegensatz zu den Informationen auf den Beschriftungen jederzeit aktualisiert werden können (z.B. mit Links zu aktuellen Forschungsergebnissen).

Ich mochte sehr den Audio-Guide der Alten Pinakothek, weil ich damit Expertinnen und Experten hörte, die selbst vor dem Gemälde oder der Skulptur standen und beschrieben, was sie sahen – sehr lebendig.

10. Dein Lebensmotto für die Leser*innen: Was magst du uns mitgeben?

Don’t be me.

Selfie beim Bloggen (nebst Cosmopolitan). Kaltmamsell.

Selfie beim Bloggen (nebst Cosmopolitan). Foto: die Kaltmamsell.

Kaltmamsell im Web

Vorspeisenplatte

Liebe Kaltmamsell,
ein ganz herzliches Dankeschön für dieses ganz famose Montagsinterview – ich bin begeistert! Du vermittelst uns viele Impulse einiges mal zu überdenken – merci dafür!

Was bewegt dich oder was möchtest du genauer von Kaltmamsell erfahren? Nutze die Chance, sie zu löchern bzw. lies einfach ihren Blog!

 
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