Coding da Vinci Süd – Memes zu „Wie geht’s dir, Europa?“ | #DHMDemokratie

Erneut geht es um Coding da Vinci Süd. Dieses Mal aus Sicht von kulturbegeisterten EuropäerInnen. Was können Kulturhackathons leisten, um junge Menschen zum Wählen zu motivieren? Dem ging das Team rund um die Website „Wie geht’s dir, Europa?“ nach. Fotos von Willy Pragher angereichert mit Twitter-Kommentaren verwandeln sich in Memes, die über die sozialen Netzwerke geteilt werden. Über Idee und Ziele klären Anne Mühlich und Gerd Müller im heutigen Gastbeitrag auf, der zugleich an der Blogparade „Was bedeutet mir Europa? #DHMDemokratie“ des Deutschen Historischen Museums teilnimmt.

Seelöwe mit Hashtag Wo bleibt die EUphorie? (Foto: Willy Pragher aus dem LaBW) von der Website

Coding da Vinci will’s wissen: Wo bleibt die EUphorie? Meme aus dem Projekt „Wie geht’s dir, Europa?“(Foto: Willy Pragher aus dem LaBW)

Coding da Vinci Süd hackt Europapolitik

Drei Leute rollen einen Teppich zusammen. Eine Robbe gähnt. Eine Frau trinkt Kaffee. Zwei Elefanten balancieren auf Flaschen. Ja hackt‘s denn?

Nein, wir haben gehackt: und zwar beim Coding da Vinci Süd, einem Kulturhackathon, der dieses Frühjahr für die Region Bayern und Baden-Württemberg stattfand. Da uns die Kombination aus 100 Jahre alten Archivfotos und Programmierung nicht genug war, haben wir uns an ein noch schwierigeres Thema gewagt: Politik. Genauer gesagt: Europapolitik.

Unsere in Deutschland lebende Generation kann sich eine Welt ohne die EU nicht mehr vorstellen, dabei ist das den meisten von uns gar nicht bewusst. Aber mal eben für ein Wochenende nach Paris fahren oder ohne horrende Roaming-Gebühren mit Freunden in Polen und Griechenland telefonieren, das war vor einigen Jahrzehnten noch ein Traum. Unser Essen ist inzwischen so international, wie unsere Sprache. Von unseren Klamotten ganz zu schweigen.

Willy Praghers Fotos und die interaktive Website „Wie geht’s dir, Europa?“

Ganz anders sieht das auf den Fotos von Willy Pragher aus, die im Landesarchiv Baden-Württemberg liegen. Pragher, der von 1908 bis 1992 lebte, dokumentierte eine Zeit, in der Europa noch nicht zusammengewachsen war, sondern gerade dabei, sich durch nationalistische und faschistische Ideologien gegenseitig zu zerstören. Eine Phase, die heute wieder näher scheint, als man zu befürchten wagte.

Rund 5000 Fotos aus dieser Periode zwischen 1920 und 1950 stellte das Landesarchiv Baden-Württemberg beim Coding da Vinci Süd zur Verfügung. Die Aufnahmen stammen aus verschiedenen Teilen Europas, beispielsweise aus Rumänien, wo er als Werbefotograf arbeitete. Viele der Fotos kommen aus Deutschland. Uns fielen insbesondere jene Fotos ins Auge, die universelle Aussagen haben und trotz ihrer unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig das heutige Europa bzw. die EU wiederspiegeln. So entstand die Idee, mithilfe dieser jahrzehntealten Aufnahmen die Frage zu stellen: „Wie geht‘s dir, Europa?

Team Europa beim Coding da Vinci Süd (Foto: Maria Scherrers (über Twitter)) - Vorstellung des Teams Europa.

Team Europa beim Coding da Vinci Süd (Foto: Maria Scherrers (über Twitter))

Memes über Twitter, Instagram und Co.

Die Antworten kommen vor allem aus sozialen Netzwerken wie z. B. Twitter, die wir nutzen, um den Fotos eine neue Bedeutung einzuhauchen. Ergänzt werden diese um konkrete Forderungen. So angereichert schicken wir die Bilder wieder in die digitale Atmosphäre zurück.

Unsere im Rahmen des 6-wöchigen Coding da Vinci Hackathons erstellte Anwendung „Wie geht‘s dir, Europa“ bietet nun die Möglichkeit, Willy Praghers Fotos in modernem, farbenfrohen Gewand anzuschauen und sie mit dazu ausgewählten Twitter-Kommentaren und Hashtags zu bestaunen. Auf diese Art und Weise entstehen Memes zur Thematik Europa und EU-Parlamentswahl. Die NutzerInnen können auch selbst Texte unter den Bildern einfügen und so eigene Bedeutungsebenen schaffen. Die so gestalteten Memes in Polaroidoptik können wiederum in den sozialen Netzwerken geteilt werden.

Ein Koffer voller Geschichten (Foto von MFG kreativ (über Twitter)

Ein Koffer voller Geschichten (Foto von MFG kreativ (über Twitter)

Unsere Idee: Mehr Einfluss der Jungen auf die Europapolitik

Unsere Idee dahinter: Wir wollen  durch eine Neuinterpretation und Umgestaltung von Willy Praghers Fotografien Menschen erreichen, die weder die Politik noch Wahlaufrufe adäquat ansprechen: all jene jungen Leute, die sich heute unter den vielen Nichtwählerinnen und Nichtwählern befinden und schon heute resigniert haben, obgleich es um ihre eigene (und damit auch unsere) Zukunft geht. Wir wollen die Zukunft keinen ergrauten konservativen Männern überlassen!

Wir wollen, dass junge Menschen in der Europäischen Union endlich gehört werden und eine Chance auf Repräsentation bekommen. Dazu zählt, dass über die Reformierung des Wahlrechts und die Absenkung des Wahlalters nachgedacht werden muss. So kann man in Deutschland zwar wählen, wenn man 90 und dement ist, aber nicht, wenn man 16 ist, die Zukunft noch vor sich hat und nicht die Entscheidungen der Älteren ausbaden will. Das muss sich ändern!

Wir jungen Menschen dürfen unsere Stimmen auch deshalb nicht verschenken, weil es gleichzeitig viele MitbürgerInnen in unserem Land gibt, die keine deutsche Staatsbürgerschaft haben und daher nicht wählen dürfen, obwohl sie seit Jahren oder sogar Jahrzehnten in diesem Land leben, arbeiten und Kinder großziehen. Auch ihre Stimme soll gehört werden. In einem Land mit 82 Millionen EinwohnerInnen können nicht 65 Millionen über die Köpfe von weiteren 15 Millionen hinweg bestimmen: 18% der Menschen in Deutschland sind damit nicht politisch repräsentiert. Das wäre ungefähr so, als würde man den gesamten Osten Deutschland von Wahlen ausschließen.

Demokratie und Europa:

Vom Kulturhackathon übers Mitmachen zur Wahlurne

Was hat das alles mit einem Kulturhackathon zu tun? Unserer Meinung nach müssen Kultur und Politik wieder öfter zusammen gedacht werden. Das schließt Europa logischerweise mit ein. Denn was wäre ein Coding da Vinci ohne Leonardo? Was wäre Goethe ohne Italien? Was Iggy Pop und David Bowie ohne Berlin? Und in was für einem Setting hätte „Der Zauberberg“ gespielt, wenn nicht im schweizerischen Davos?

Europa ist überall! Heute können wir nicht mehr zu der Zeit der abgekapselten Nationalstaaten zurück. Es gibt auch keinen Anlass, dies zu wollen. Wer alle Menschen als ebenbürtig und freundschaftlich gesinnt betrachtet, findet auch in der Idee eines gemeinsamen und sich weiter vernetzenden Europas eine Heimat- und das ganz ohne Nationalismus. Viele Probleme, die in der EU, aber auch in anderen Teilen Europas zu finden sind, können wir nur gemeinsam lösen. Gerade für den demographischen Wandel braucht es gemeinsame europäische Lösungen. Unsolidarische Versuche, sich gegenseitig die jungen und gut ausgebildeten Menschen abzuwerben, sind falsch.

Dafür müssen wir uns alle einsetzen. Wenn unsere Foto-Collagen, die ohne Willy Pragher nicht möglich gewesen wären, über Twitter oder Instagram junge Menschen motivieren, zur Wahlurne zu gehen und für pro-europäische und progressive Parteien zu stimmen, dann haben wir viel erreicht. Das ist gelebte Demokratie!

AutorInnen-Team:
Junge Europawissenschaftlerin mit Slawistikeinschlag meets sympathischen Computernerd mit Kulturinteresse. Coding da Vinci ist ihr neues Hobby, ebenso wie Memes zum Thema Europa. Von Leipzig in die Welt. #wiegehtsdireuropa #EUphorie

Twitter: @ankatrabantka | @gerdesque || Instagram:@ankatrabantka

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2 Kommentare

  1. Hallo,

    der wichtigste Satz ist für mich:
    ‚In einem Land mit 82 Millionen EinwohnerInnen können nicht 65 Millionen über die Köpfe von weiteren 15 Millionen hinweg bestimmen: 18% der Menschen in Deutschland sind damit nicht politisch repräsentiert.‘
    Er kennzeichnet aber auch eines der größten Probleme. Was auch dazu führt, dass sich Frust verbreitet und Videos in das Netz gelangen, auf die Parteien nicht angemessen reagieren oder können, weil der Zugang, das Verständnis füreinander, irgendwie zerrüttet ist.
    Dass es notwendig ist, zu wählen, gut zu wählen, auch im Sinne der Mitbürger, die nicht wählen dürfen oder können, kommt sehr gut heraus.
    Ist ein bisschen so als versuche man eine Kindergartengruppe zu impfen, damit die, die nicht gegen Masern immunisiert werden können, durch jene geschützt werden, die es sind.
    Wieder ein sehr schöner Beitrag, der auch Interdisziplinarität unterstützt.
    Mach weiter so!

    Liebe Grüße
    Claudia

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