Digitaler Wandel: Gesicht zeigen – Haltung einnehmen | #DHMDemokratie

Digitaler Wandel ergreift Kulturhäuser. „Die digitalen Technologien machen es uns viel leichter, Gesicht zu zeigen und für die Demokratie eine klare Haltung einzunehmen. Wir müssen uns nur trauen aus der Neutralitätsfalle auszusteigen,“ so Barbara Fischer in ihrem Gastbeitrag zur Blogparade „Was bedeutet mir die Demokratie | #DHMDemokratie“ des Deutschen Historischen Museums Berlin.

Graphik von der Märzrevolution Berlin 1848. Menschenmasse, deutsche Flagge erhoben. Steht sinnbildlich für Demokratie und ist Titelbild des Beitrags von Barbara Fischer zur Blogparade #DHMDemokratie - Digitaler Wandel

März 1848 in Berlin – sinnbildlich für #DHMDemokratie?
Urheber unbekannt, public domain, via Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maerz1848_berlin.jpg.

Wie der digitale Wandel alte Tugenden fördert.

Im letzten Sommer traf ich zum ersten Mal einen echten digitalen Nomaden. Crismar aus Santo Domingo zieht nur sein Laptop aus dem kleinen Rucksack, wenn Ihre Cloud keinen Platz mehr im Server auf Island findet und Ihre Daten daher in Manila zwischengelagert werden müssen. Seine gut bezahlte Arbeit erlaubt es ihm, überall in der Welt temporär seine Zelte aufzuschlagen. Bevor er für den Sommer nach Berlin kam, hatte er in Kanada gelebt, davor in Argentinien und von hier zog er weiter nach Seattle. Jetzt ist er in Toulouse. Zum Dank für gemeinsame ausgedehnte Stadtwanderungen schenkte er mir ein Buch eines anderen Kosmopoliten.[1] Es gab mir den Anstoß zu diesem Beitrag. Denn einige Gedanken aus dem Buch verwoben sich mit Erfahrungen und Beobachtungen, die ich so mache, und die ich hier mit Ihnen diskutieren möchte.

2019 ist ein hervorragend geeignetes Jahr, eine Blogparade zum Thema Demokratie in Deutschland abzuhalten. Vor einem Jahr erschütterten Bilder eines rechten Mobs mal wieder unsere satte Selbstgewissheit als gute Demokraten. Vor 30 Jahren fiel die Mauer nach friedlichen Protesten. Vor 70 Jahren wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik verabschiedet und vor 100 Jahren erprobten Soldaten und Arbeiter kurzzeitig basisdemokratische Organisationsformen bevor sie gewaltsam niedergeschlagen wurden. Ich freue mich, mit dieser Parade für die Demokratie eintreten zu können.

Danksagung an Mauer für Wiedervereinigung: Germany becomes one country.

Deutschland wird ein Land. RIA Novosti archive, image #428452 / Boris Babanov / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) via Wikimedia Commons.

Meine Themen als Kulturmanagerin sind seit Jahren das Kulturerbe und ihre Institutionen im digitalen Wandel. Ich arbeite als Netzwerkerin, um Menschen in Institutionen dabei zu unterstützen, den digitalen Wandel im Kulturbereich voranzutreiben. Was hat das denn mit Demokratie zu tun? Bin ich überhaupt berufen mich zu äußern? In keiner der vier Gewalten, die unsere Demokratie schützen, habe ich eine aktive Rolle. Nicht in der Legislative, nicht in der Exekutive, nicht in der Judikative und auch nicht im Korrektiv der vierten Gewalt, den Medien. Ich bin lediglich eine Wählerin und eine Staatsbürgerin. Ich lebe in einer Demokratie. Genau wie Sie, die Sie diese Zeilen lesen, vermutlich auch. Wir sind doch alle Demokraten, möchte man meinen. Stimmt das denn?

Das Diktat der Professionalisierung

Ich gehöre zur ersten Generation diplomierter Kulturmanagerinnen. Anfang der 90er Jahre in Berlin empfand ich es als Ausdruck meiner eigenen Professionalität, den Kulturverein, den ich leitete, nach Marketinggesichtspunkten auszurichten. Ich führte das Sponsoring und das Corporate Design ein. Wir erhoben Nutzerdaten bei den Lesungen, die wir veranstalteten, und berechneten den ROI einzelner Projekte. Das politische Bewusstsein der Gründerinnen des Vereins legte ich in den Schubladen des Archivs ab. Bestenfalls diente es als Matrize bei Jubiläumsanlässen.

Ich war Teil dieser Bewegung: Überall galt es, der Ineffizienz der Kulturbetriebe die ökonomisch geschulte Stirn zu bieten. Unter dem Banner der Professionalisierung zogen Innovationsdruck, an Projekte gebundene Arbeitsverhältnisse und vor allem bis heute ein Esprit in die Kultureinrichtungen ein, der vor allem den messbaren Wirkungsketten verpflichtet ist.

  • Wie hoch ist die Auslastung des Theaters?
  • Wie viele Besucher verzeichnet die Sonderausstellung?
  • Auf welcher Position befindet sich die Plattform im Ranking gegenüber dem Vorjahr?
  • Wie viele Nutzer zählte die Bibliothek?
  • Welche Zuwachsrate erfuhr das Segment Abonnement des Konzerthauses?

Man definiert Ziele und entwickelt geeignete Metriken SMART. Mit den professionell aufbereiteten Ergebnissen punktet man bei politischen Entscheidungsträgern und Geldgebern. Sie erwarten, dass sich ihre eingesetzten Mittel rentieren.

Durch diese forcierte Professionalisierung haben wir vor allem eine Ökonomisierung bewirkt, also die Zurichtung des Daseinszweckes einer Kultureinrichtung auf die Behauptung im Wettbewerb der Aufmerksamkeit. So wie der Suppenfabrikant mehr Kunden will, um seinen Gewinn zu steigern. Die Aussage, Kultur sei keine Dosensuppe, ist bloße Sonntagsredenrhetorik. Geld regiert die Welt – daher dominieren den Alltag Projektanträge, Zielerreichungsstatistik und Umfragenauswertungen.

Digitaler Wandel: Die Chance der digitalen Transformation

Auch die digitale Transformation argumentiert für den Umbau der Unternehmen in der Sprache der Ökonomie. Alexander Birken, Vorstandsvorsitzender der Otto Group, gelingt es branchenunabhängig, die Herausforderungen, die an das Management durch den digitalen Wandel gestellt werden, in wenigen treffenden Worten zu umreißen:

  • Agilität in den unternehmerischen Entscheidungen,
  • Transparenz in den unternehmerischen Handlungen,
  • Sicherung des Informationsflusses in allen Richtungen,
  • Flexibilität in der Reaktion auf den Markt und die wachsende Bedeutung des eigenen Profils.[2]

Aber indem der digitale Wandel damit in allen Punkten die dialogische Kommunikation in das Zentrum stellt, verändert er das Selbstverständnis der Institution. Die Institution gewinnt als Dialogpartner Züge eines Subjektes. Ein Subjekt, das ein eigenes Profil hat, das im Dialog mit allen Stakeholdern steht, das sich verpflichtet fühlt, seine Entscheidungen transparent darzustellen und agil mit seiner Umgebung interagiert.

Das schon etwas angestaubt wirkende Web 2.0 war der erste Schritt der Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit in diese Richtung. Die digitale Transformation erfasst die kulturbewahrende Einrichtung als Ganzes vom Keller bis unters Dach. Es twittert nicht mehr nur die Volontärin im PR-Referat. Die Website hat ein offenes dynamisches CMS, in dem die Sammlungsleitung genauso selbstverständlich in Diskussion mit interessierten Laien und Fachleuten steht, wie die Geschäftsführung oder die Abteilungen der Provenienzforschung und der Erschließung. Die neue Ausstellung verbindet Netz und Raum. Die Online-Sammlung nimmt die Sammlungen anderer Häuser mit in den Blick und fördert die private Bezugnahme.

Die Grenzen der Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen werden fließender – um so bedeutungsvoller wird die Unverkennbarkeit des Kerns. Der Betriebswirt sagt Corporate Identity. Auch so ein Sonntagsbegriff aus den 90ern. Aber heute bietet er eine reelle Chance für ein engagierteres Selbstverständnis einer GLAM-Institution im Alltag.

Den Dialog ernst nehmen

Eine Einrichtung, die im vielstimmigen Chor ihrer Mitarbeiter in den unmittelbaren nicht länger zeitverzögerten Dialog tritt mit ihren Besuchern, mit Fachleuten, mit Geldgebern und ihren Nachbarn, weist viel stärker Züge einer Persönlichkeit auf als die monologisierende Institution mit Sendungsbewusstsein. Dieses Selbstverständnis, ein dialogisches Subjekt in der Gesellschaft zu sein, hat Konsequenzen in einer Demokratie.

Vielfach ging in den letzten Jahrzehnten mit der Professionalisierung und Ökonomisierung der Kultureinrichtungen das Proklamieren einer gesellschaftspolitischen Neutralität einher: Ein Museum ist nicht politisch, ein Archiv hat keine Meinung und eine Bibliothek ist offen für alle Meinungen. Und genau da möchte ich ansetzen. Ein dialogisches Subjekt handelt politisch, denn der Dialog setzt das Subjekt in Beziehung zur Gesellschaft. Das Subjekt hat eine Meinung und verteidigt diese gegen andere.

Eine öffentlich geförderte GLAM-Institution ist gerade aufgrund der Erfordernisse der digitalen Transformation mehr denn je als handelndes Subjekt der demokratischen Gesellschaft verpflichtet, die ihre Existenz sichert. Sie hat die Pflicht, sich schützend vor die Demokratie zu stellen und aktiv für sie einzutreten. Sie darf sich nicht auf eine bequeme Position eines “Neutralitätsgebotes” zurückziehen und sich damit jeder politischen Haltung enthalten. Im Gegenteil, sie muss Gesicht zeigen für die Demokratie und deren Erhalt.

Gesicht zeigen

Cottbus im Kleinen und der weltweite Rechtsruck im Gefolge der Globalisierung im Großen machen deutlich wie unverzichtbar es heute ist, als Kultureinrichtung aktiv und mit “skin in the game” für die Demokratie einzutreten. Die Bewegung der Vielen ist eine sehr erfreuliche Initiative von namhaften Kultureinrichtungen, wie dem Jüdischen Museum in Frankfurt, die rechten Agitatoren keine Bühne geben wollen, weder aufgrund eines falsch verstandenen Neutralitätsgebotes noch im Namen der Toleranz.[3]

Mein persönliches Anliegen zum Schluss: Unser siebzigjähriges Grundgesetz fordert im Artikel 20a von uns als Staat aktiv die Lebensgrundlagen für künftige Generationen zu schützen. Wer bezweifelt noch die Gefährdung durch den menschengemachten Klimawandel? Wann fangen wir endlich an, als Kulturmacherinnen in unseren Einrichtungen und durch diese für einen aktiven Klimaschutz einzutreten?

Es ist Zeit zu handeln. Die digitale Transformation bietet uns dafür nicht nur die technischen Mittel, sondern verlangt von uns ein unverkennbares Profil im Dialog. Lasst uns Profilierung künftig als “Gesicht zeigen” verstehen und Haltung für die Demokratie und für den Erhalt unserer Welt einnehmen.

#FridaysForFuture, public domain via Pixabay. https://pixabay.com/de/photos/climate-action-fridaysforfuture-4150536/

#FridaysForFuture, public domain via Pixabay. https://pixabay.com/de/photos/climate-action-fridaysforfuture-4150536/

 

Zur Autorin:

Bild: Barbara Fischer. Lizenzhinweis: Kerstin Jasinszczak, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Barbara_3160_fertig.jpg

Bild: Barbara Fischer. Lizenzhinweis: Kerstin Jasinszczak, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Barbara_3160_fertig.jpg

 Die Kulturmanagerin Barbara Fischer, bekannter als @fischerdata auf Twitter, ist Mitbegründerin des Kultur-Hackathons “Coding da Vinci”. Sie war lange Kuratorin für Kulturpartnerschaften der Wikipedia-Community und bringt heute im Auftrag der Deutschen Nationalbibliothek u.a. die Öffnung der Gemeinsamen Normdatei für Kulturdaten voran. Denn “linked data” sichert auf Dauer demokratische Verhältnisse im Netz.

 

 

[1] Nassim Nicholas Taleb: Skin in the Game, Allen Lane 2018.

[2] Alexander Birken, CEO der Otto Group, im Interview in Info-Radio Berlin am 13.3.2018 (bereits depubliziert; vgl. auch die Kulturmanagerin von morgen in Faustkultur, https://faustkultur.de/3735-0-Barbara-Fischer-Die-Kulturmanagerin-von-morgen.html

[3] Pressemitteilung von über 2000 Kultureinrichtungen der Vielen; https://www.bbk-berlin.de/con/bbk/front_content.php?idart=6105&refld=199

Lesetipp zu Coding da Vinci:

Über den Kultur-Hackathon „Coding da Vinci Süd“ schrieb jüngst Katrin Krumpholz bei mir.

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5 Kommentare

  1. Wir bedanken uns ganz herzlich für den wichtigen und impulsgebenden Gastbeitrag auf Kultur Museum Talk, liebe Barbara Fischer!

    Beste Grüße
    Miriam B.
    Deutsches Historisches Museum

  2. Pingback: Publikative

  3. Pingback: #Interview mit Nils Strunk – Die Kulturflüsterin

  4. Pingback: Was ist Demokratie für dich? Blogparade des Deutschen Historischen Museums | #DHMDemokratie

  5. ‚…Überall galt es, der Ineffizienz der Kulturbetriebe die ökonomisch geschulte Stirn zu bieten. Unter dem Banner der Professionalisierung zogen Innovationsdruck, an Projekte gebundene Arbeitsverhältnisse und vor allem bis heute ein Esprit in die Kultureinrichtungen ein, der vor allem den messbaren Wirkungsketten verpflichtet ist. …‘

    ROI… Return of Invest…Schon lange üblich in der Populärkultur, tödlich für die Kunst.

    Viele Grüße
    Carl Weltwitz