Über Internet und echtes Leben: Digitales, „Lügenpresse“ & Filterblase | #Interview

Das Blogmotto von Christian Buggisch „Über Internet und echtes Leben“ zog mich magisch an. Die Texte dann noch mehr. Ein Geisteswissenschaftler geht „fremd“ vom Lektor zum Corporate Publisher. Im Montagsinterview spricht er Digitales und die „Lügenpresse“ an. Letzteres aus Sicht der Rechten. Trumps Sieg veranlasste ihn, sich eine zweite Filterblase anzulegen, um zu verstehen, wie Mainzelmännchen die Massen überzeugen. Erschreckend und eine fatale Entwicklung. Christian ist ein vielseitiger Mensch, Autor (Mittelalter und Kinder-/Jugendbücher!), Vater und Querdenker.

2 Mädchen stehen mit dem Rücken zum Betrachter im Mohnfeld. Beide fotografieren die Blumenwiese, eben "Internet und echtes Leben". Foto: Christian Buggisch.

Passendes Bild zum Titel: Über Internet und echtes Leben, oder? Der Rest passt dann nicht mehr dazuf. Foto: Christian Buggisch


Nachgefragt bei Christian Buggisch über Internet und echtes Leben

Lieber Christian,
wir kennen uns bislang noch nicht real. Als Ironblogger (du in Franken, ich in München) müssen wir beide einmal in der Woche etwas veröffentlichen, sonst kostet es. In München sitzen wir dann gemütlich beisammen und vertrinken sehr gesellig dabei übers Bloggen schwadronierend einen Teil der Geldstrafe der „Faulen“. Im Blog schreibst du immer wieder über Internetdinge bzw. Digitalisierung, aber auch über Fußball, Rezepte und das, was dich bewegt. Dein Headerbild erwischte mich jedes Mal aufs Neue. Zeit also, dich zu löchern!

1. Stellst du dich bitte kurz vor: Wer bist du? Was machst du beruflich?

Ich bin 44 Jahre alt, verheiratet, habe drei Kinder zwischen 12 und 17 Jahren, wohne in Erlangen und arbeite in Nürnberg beim Softwarehaus und IT-Dienstleister DATEV. Dort kümmere ich mich um Marketing und Kommunikation bzw. leite die Abteilung „Corporate Publishing“, das heißt wir erstellen vielfältige Inhalte für zahlreiche Kanäle, zum Beispiel Artikel für die Kundenzeitschrift, Produktbeschreibungen für die Website, Videos für Social Media oder Fotos und Beiträge fürs Intranet.

2. Du hast Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte studiert. Wie kam es dazu, dass du nun das Corporate Publishing bei DATEV vorantreibst? Vermisst du die geisteswissenschaftliche Beschäftigung oder wirkt sich diese irgendwie auf dein Berufsleben aus?

Mit den Inhalten meines Studiums hat der Beruf nicht mehr viel zu tun. Dennoch glaube ich, dass ein geisteswissenschaftliches Studium eine gute Voraussetzung für Quereinsteiger wie mich ist. Im Studium (damals noch ein gutes altes Magister-Studium) habe ich gelernt mich in unbekannte Themen einzuarbeiten, sie zu analysieren und über komplizierte Dinge nachzudenken. Davon profitiere ich heute, auch wenn die Themen damals „Ästhetik der Frühaufklärung“ hießen und heute „Crossmediale Unternehmenskommunikation“.

Zu DATEV und meinem heutigen Job kam ich auf Umwegen: Ich habe schon während des Studiums zahlreiche Praktika gemacht, unter anderem bei einem Verlag in Stuttgart, und bei dem habe ich dann nach meinem Abschluss als Lektor angefangen. Bei DATEV habe ich mich dann ein paar Jahre später auf einen Job als Online-Redakteur beworben, weil wir mit unseren kleinen Kindern gerne in die „Heimat“ und die Nähe unserer Eltern zurückwollten.

3. Vier Bücher hast du bislang publiziert – eines zu einem mittelalterlichen Thema, drei für die Kinder- und Jugendbuchreihe „WAS IST WAS“. Was für ein publizistischer Spagat! Gefällt mir außerordentlich gut – als Mediävistin und als Mutter! Was faszinierte dich an dem Ritter John Mandeville und seinen Reiseberichten aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts? Wie empfandest du im Vergleich dazu das Schreiben für die Jugendbuchserie?

Im Verlag haben wir unter anderem historische Reiseberichte herausgegeben, das Bordbuch von Columbus, den Bericht Marco Polos, solche Sachen. Irgendwann bin ich auf Mandevilles „Reisebericht“ aus dem 14. Jahrhundert gestoßen, den man wohl heute als Fake News bezeichnen würde – alles nur erfunden und von anderen Reisenden zusammengeklaut. Und dennoch ein unglaublich erfolgreiches und interessantes Buch, eine Art „Best of“ vieler verschiedener Reisender. Ich habe mich dann an Übersetzung und Vorwort gemacht und das letztlich nach meiner Verlagszeit fertig gestellt.

Der Kontakt zum Tessloff Verlag, der die Was Ist Was-Bücher macht, kam über meinen Vater zustande. Als Geologie-Professor wurde er gefragt, ob er die Ausgabe „Mineralien und Gesteine“ nicht neu machen wollte. Er wollte, aber nur zusammen mit mir. Am Schluss sind daraus drei Was Ist Was-Bücher entstanden und eine Zusammenarbeit, die viel Spaß gemacht hat. Wir haben uns die Inhalte ein bisschen aufgeteilt und vor allem war er fürs Fachliche und ich für die Verständlichkeit für Kinder und Jugendliche zuständig.

4. Wann und wieso bist du zum Bloggen gekommen? Was bedeutet dir das Bloggen?

Das hatte mit meinem Job zu tun. Wir hatten damals überlegt, für DATEV einen Corporate Blog aufzumachen. Ich war der Meinung, dass man das nicht rein theoretisch planen kann, sondern wissen muss, was Bloggen alles mit sich bringt, wie sich das anfühlt. Also habe ich meinen privaten Blog quasi zu Testzwecken aufgemacht – und bin bis heute dabeigeblieben.

Bloggen bedeutet für mich vor allem gereifte Gedanken in Worte zu fassen. Ich suche nicht nach Themen, über die ich schreiben könnte. Ich denke vielmehr über dieses und jenes nach, beschäftige mich intensiver damit, recherchiere dazu und veröffentliche am Ende dieses Prozesses oder als Zwischenstand einen Blogbeitrag. Das Bloggen übt dabei den positiven Zwang auf mich aus, nicht mal eben einen halbgaren Gedanken hinzuwerfen, der innerhalb von zwei Kommentaren zerlegt werden kann.

5. Mir gefällt dein Blog-Motto: „Internet und echtes Leben“. Die Schere zwischen diesen beiden Polen ist bei dir groß und trotzdem hängen sie eng zusammen. Was ist denn das „echte Leben“ für dich? Und warum kombinierst du es mit dem Internet? Was reizt dich daran?

Das Motto ist auch ein bisschen ironisch gemeint, denn viele unterscheiden ja noch zwischen dem „Neuland“ Internet und dem guten alten analogen Leben. Für mich gehört beides zusammen, das Web mit allen Implikationen und Vor- und Nachteilen ist Bestandteil des Lebens. In meinem Blog geht es um dieses Leben mit verschiedenen analogen und digitalen Facetten – um gutes Essen und schöne Wanderungen genauso wie um Algorithmen im Web und Filterblasen auf Facebook.

Heute zum Filterblasen-Thema in Frankfurt – Christian ausnahmsweise mal vor der Kamera …

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6. Mit Ernüchterung und Schrecken las ich dein Experiment zur 2. rechten Filterblase. Gleichzeitig wurde mir einiges klar, wie es zur Machtfülle von einigen Mainzelmännchen gekommen ist, vor allem jenseits des großen Teiches. Aber die Gefahr schlummert auch bei uns und das aktiver als so mancher denkt. Das belegt deine Serie. Fatal wie zwiespältig Behörden darauf reagieren und dem so wenig entgegensetzen nach dem Motto: Wird ja schon weggehen dieses soziale Netz und zwar so wie das Internet, gell? Was motivierte dich zu der Serie? Wie war die Resonanz darauf?

Auslöser war die Trump-Wahl im November 2016 und die Erkenntnis, dass ich wie viele andere die Wirklichkeit falsch eingeschätzt habe. Ich wollte, auch im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017, zu einer realistischeren Einschätzung jenseits meiner Filterblase kommen. Diese Filterblasen waren aus meiner Sicht ein Grund dafür, weshalb wir so gar nicht geahnt haben, dass Clinton nicht Präsidentin werden und die Briten tatsächlich die EU verlassen könnten. Deshalb habe ich mit einem Pseudonym ein zweites Facebook-Profil aufgemacht und mich rechtslastig in einer neuen Filterblase vernetzt.

Die Ergebnisse dieses Filterblasen-Experiments habe ich in mehreren Blog-Beiträgen verarbeitet. Immerhin hat sich erfreulicherweise im letzten halben Jahr die öffentliche Aufmerksamkeit für den Themenkomplex Rechtspopulismus, Filterblasen, Hate Speech und Fake News stark erhöht. Ich habe versucht meinen kleinen Teil durch Vorträge, Interviews und Publikationen dazu beizutragen.

7. Dein Blog ist sehr facettenreich – ein richtiger Themenbauchladen, was mir gut bekannt vorkommt 😉 Welche Themen oder Artikel kommen in deinem Blog besonders gut an? Was wurde besonders heftig bei dir diskutiert? Berührte dich als Blogger etwas besonders? Das kann ein Thema, eine Begegnung oder eine Reaktion auf einen deiner Artikel sein.

Ich vermute, wir machen da ähnliche Erfahrungen: Nämlich, dass die Beiträge, die uns besonders am Herzen liegen, auf gar nicht so große Resonanz stoßen. Und umgekehrt Beiträge, von denen wir es nicht erwartet hätten, Leser ohne Ende finden. Ein Beispiel für Letzteres ist mein Blogbeitrag am Ende der Fußball WM 2014. Ich schreibe sonst nie über Fußball, den Beitrag habe ich relativ impulsiv runtergeschrieben – aber er war mit Abstand der mit den meisten Aufrufen im Blog. Einer der Gründe, warum mir Klickzahlen weitgehend egal sind.

Seit ich etwas mehr über Rechtspopulismus, Pegida und die AfD schreibe – im Wesentlichen seit meinem Beitrag über den historischen Kontext des Begriffs „Lügenpresse“ –, habe ich in den Kommentaren auch weniger nette Zeitgenossen kennen lernen dürfen. Diese Themen ziehen einfach auch Idioten an, die dann leider an deinem Blog hängen bleiben. Aber auch damit lernt man umzugehen.

8. Die Digitale Transformation der Gesellschaft ist nicht wegzudenken. Wie gehen deine Kinder damit um? Lernst du von ihnen? Begleitest du sie dabei, insofern du Hilfestellung vermittelst? Oder wollen sie das schon gar nicht mehr? Sind die Schulen auf die digitale Entwicklung vorbereitet? Was wäre hier wichtig?

Natürlich lerne ich von meinen Kindern, die ein ganz anderes Mediennutzungsverhalten haben als ich. Aber sie lernen auch von mir, beispielsweise über die schon erwähnten Filterblasen und Mechaniken des Social Web.

Was die Schulen angeht ist meine Meinung durch die Erfahrungen mit meinen Kindern geprägt. Ich würde sagen, die Schulen haben sich auf den Weg gemacht, sind aber noch ziemlich am Anfang. Es gibt bereits Notebook- und iPad-Klassen. Aber es gibt auch riesige Defizite in Sachen Medienkompetenz, gerade bei modernen Massenmedien wie Facebook, Instagram oder WhatsApp. Den Vortrag zu meinem Filterblasen-Experiment habe ich auch an Schulen gehalten und durfte feststellen: Viele Lehrer haben diese Medien noch nie genutzt. Wer soll also an Schulen die nötige Medienkompetenz vermitteln?

9. Kultur-Museums-Frage: Wie siehst du analog-digitale Kulturvermittlungsformate, wie den #HohenzollernWalk auf der Cadolzburg am 1. Juli 2017? Reizt dich das? Wenn ja, warum? Was müssten Museen tun, um dich so zu erreichen, dass du ihren Besuch einplanst?

Klar reizt mich das, weil es ein schöner Anlass ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ganz ehrlich: Mein Hauptproblem ist, dass ich zu wenig Zeit habe. Bei drei Kindern und Fulltime-Job komme ich selten genug dazu, mit meiner Frau ins Museum zu gehen. Die nötige Zeit können mir Museen nicht geben, aber sie können mich mit solchen spannenden Events antriggern, so wie es zum Beispiel seit neuestem auch Instagramer in Erlangen mit Instawalks machen.

10. Dein Lebensmotto für die Leser*innen: Was möchtest du uns mitgeben?

Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen! Der Leitspruch der Aufklärung ist in Zeiten von Populisten und Irrationalisten wichtiger denn je.

So, bin dabei beim Projekt #cebitfaces ;) #cebit #datev

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Lieber Christian,
ein ganz herzliches Dankeschön für dieses Montagsinterview. Du bietest sehr viel Denkstoff. Das Netz ist auch ein guter Ort, ohne deine Präsenz dort, hätte ich nicht von dir gewusst. Wunderbar wäre es, dich auch real zu treffen, vielleicht beim #HohenzollernWalk auf der Cadolzburg – das würde mich sehr freuen!

Christian bietet einiges zum Nachdenken. Wo möchtest du nachfassen?

 
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