Münchner Stadtmuseum feiert größtes Gamelan-Festival Europas | #BronzeBambooBeats

Das Münchner Stadtmuseum feiert vom 8. bis 17. Juni das größtes Gamelan-Festival Europas (#BronzeBambooBeats). Wie kam es dazu? Heinz Hollenberger, Journalist und Experte für Video und Audiopodcast, interviewt den Leiter der Sammlung Musik des Museums, Dr. András Varsányi sowie die Künstler Dewa Ketut Alit und Aafke de Jong. Viel Leidenschaft und der Zauber einer unbekannten Welt schimmern hervor. Woher ich Heinz kenne, erfährst du ganz am Ende des Artikels!

Gamelan-Musiker mit drei Tänzerinnen aus Indonesien im Stadtmuseum München

Gamelan-Musiker mit drei Tänzerinnen aus Indonesien im Münchner Stadtmuseum. Gamelan-Musikfestival. Foto: Heinz Hollenberger.

Das Gamelan-Festival im Stadtmuseum München ist ausgeartet!“

Ende der siebziger Jahre verliebt sich ein Mann in Indonesien. Aber nicht etwa in eine schöne Frau, sondern in eine zauberhafte Klangwelt. Gamelan-Musik hat Dr. András Varsányis Herz betört, dieser Liebe ist er bis heute verfallen. Der Leiter der Sammlung Musik im Münchner Stadtmuseum wollte in diesem Sommer eigentlich nur ein kleines, feines Festival auf die Beine stellen. Aber seine Reputation ist auch in Indonesien so hoch, dass sich dort die Nachricht von der neuntägigen Veranstaltungsreihe in Windeseile verbreitet hat. Jetzt sind 300 Künstlerinnen und Künstler aus Indonesien, USA und Europa in die Landeshauptstadt gereist und treten hier sogar ohne Gage auf, beim größten Gamelan-Festival Europas.

In unserem Interview erfahren Sie, wie es dazu gekommen ist. Danach beleuchten zwei weitere Interviews die Sicht beteiligter Künstler…

Hatten Sie Ihre Veranstaltungsreihe so geplant, wie sie jetzt stattfindet?

Dr. András Varsányi, Leiter der Sammlung Musik des Münchner Stadtmuseums und Kurator des Festivals © Heinz Hollenberger

Dr. András Varsányi, Leiter der Sammlung Musik des Münchner Stadtmuseums und Kurator des Festivals
© Heinz Hollenberger

Dr. András Varsányi, Münchner Stadtmuseum: Das Festival ist ausgeartet! Es war ein kleines Gamelan-Festival angedacht, aber es hat sich ergeben, dass ziemlich schnell viele namhafte Künstler davon Wind bekommen haben, dass hier so etwas stattfindet. Dann wollten immer mehr dazu kommen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht genügend Etat habe, dass es kein originäres Festival sein wird, von einem professionellen Veranstalter organisiert. Die haben gesagt, das ist uns egal. Die wollten kommen, weil da so viele andere tolle Künstler sind, da wollten sie auch dabei sein. So ist das dann regelrecht explodiert und ich musste nach 300 Anmeldungen sagen: Stopp! Wir können das nicht mehr stemmen, es ist sowieso schon weit über der Machbarkeitsgrenze.

Bei 300 Künstlerinnen und Künstlern wären die Gagen wohl ziemlich hoch?

Dr. András Varsányi: Die wären im Millionenbereich. Es geht nur weil keiner eine Gage bekommt. Wir konnten eine sehr professionelle Truppe zusammen stellen. Aber nur weil wir ihnen anschließend dann originäre Festivals in Dänemark, Berlin, in Schweden und auch in Rudolstadt vermitteln haben. Dort werden die dann überall ordentlich bezahlt, dafür spielen sie bei uns umsonst.

Liebe auf den ersten Ton

Wie haben Sie persönlich Ihre Liebe zur Gamelan-Musik entdeckt?

Dr. András Varsányi: Die Liebe ist gewachsen. Ich muss meinen Lehrer Karl Peinkofer von der Musikhochschule nennen. Der war mein Schlagzeuglehrer, in den 70er Jahren. Ich habe das Meisterklassen-Diplom 1979 gemacht und bin danach ein Jahr lang nach Bali gegangen. Dort habe ich Gamelan-Musik studiert und mich dabei derartig darin verliebt, dass ich wieder zurück in Deutschland eine Gruppe dafür gegründet habe. Mit vielen Anfangsschwierigkeiten. Wir konnten erst zehn Jahre im Keller der Musikhochschule üben. Wir haben auch ein komplettes Gamelan gehabt. (Anmerkung der Redaktion: Verschiedene Gruppen von größeren Instrumenten, die zusammen das Gamelan-Ensemble bilden). Das ist dieses Gamelan, das wir seit 1979 im Münchner Stadtmuseum haben und das eben auch gespielt wird, nicht nur ausgestellt.

Später, nachdem ich dann am Münchner Stadtmuseum beruflich ganz und gar angekommen bin, konnte ich auch ein komplettes javanisches Gamelan erwerben. Für Laien mag das eine und das andere Gamelan gleich sein. Aber da gibt es sehr große Unterschiede. Auf dem javanischen Gamelan kann man auch ganz andere Sachen machen: Zum Beispiel einfache Workshops, wo alle Klänge gut zu hören sind und die großen Gongs gespielt werden. Menschen, die noch gar nicht viel Erfahrung mit dieser Musik haben, können dann zusammen mit sehr guten Musikern in diesem Ensemble spielen. Deswegen durften wir das kaufen und der Freundeskreis des Münchner Stadtmuseums hat uns dabei sehr unterstützt.

Rasende Verkettung von Schlaginstrumenten

Wie erklären Sie Laien Gamelan-Musik?

Dr. András Varsányi: Gamelan ist Ensemblemusik. Bestehend aus großen Gongs und Metallo-phonen. Die sehen ein bisschen aus wie Xylophone, aber eben mit Metallklangplatten aus Bronze. Es sind auch Trommeln dabei, oder Becken, oder andere Percussion. Auf diesem Gamelan wird in einer sehr strengen, je nach Tradition geprägten Art musiziert. Das Faszinierende, auch für studierte Musiker, ist eine rasende Verkettung von Tönen, die sehr streng organisiert sind und ineinander greifen, wie zwei Zahnräder.

Interview mit dem balinesischen Komponist und Musiker Dewa Ketut Alit

Dewa Ketut Alit, Komponist aus Indonesien © Heinz Hollenberger

Dewa Ketut Alit, Komponist aus Indonesien
© Heinz Hollenberger

Einer der renommierten Künstler, die für das #BronzeBambooBeats Festival nach München gereist sind, ist Dewa Ketut Alit. Der Komponist und Musiker aus Bali beschäftigt sich seit den 80iger Jahren mit balinesischer Gamelan-Komposition. Er hat unter anderem auch den Einfluss westlicher Notation auf die Musik seiner Heimat erforscht.

Worum geht es im großen Mythos, den Gamelan-Musik oft darstellt?

Dewa Ketut Alit: Die Geschichte handelt von Gut und Böse. Das Gute nennen wir Barong. Das Böse nennen wir Rangda. Rangda und Barong kämpfen immer zu, aber keiner von beiden gewinnt oder verliert. Das passiert die ganze Zeit, im Körper jedes einzelnen Menschen und auf der ganzen Welt.

Widmen Sie sich ausschließlich der traditionellen Gamelan-Musik?

Dewa Ketut Alit: Wir haben unsere eigene Art der Gamelan-Musik, ich nenne es Salukat. Auf sehr verschiedene Weise spielen wir Gamelan, das ist unser Leben. Für mich gehören alt und neu immer zusammen. Wir in Bali spielen die traditionelle Musik und wir spielen moderne Gamelan-Musik, das passt gut zusammen.

Interview mit Aafke de Jong, holländische Tänzerin, Choreografin und Wissenschaftlerin

Neben der Ensemblemusik spielt der Tanz eine tragende Rolle beim Gamelan. Ihm hat sich Aafke de Jong verschrieben, nachdem sie fünf Jahre lang in Bali die dortigen Tanztechniken erforscht hat.

Wie kamen Sie zur Gamelan-Musik?

Die Tänzerin und Choreografin Aafke de Jong zählt international zu den besten Tänzerinnen des balinesischen Legong Kraton

Die Tänzerin und Choreografin Aafke de Jong
zählt international zu den besten Tänzerinnen
des balinesischen Legong Kraton. Foto: Heinz Hollenberger

Aafke de Jong: Es fing vor langer Zeit an, ich war acht oder neun Jahre alt. In Holland hatten wir die Kolonialzeit, deshalb gibt es in Holland noch heute viel Information über Indonesien. Ich kann mich noch erinnern: Ich fand Bücher, da waren schöne Bilder drin von balinesischen Tänzerinnen. Sehr junge Mädchen mit sehr schönen Frisuren und Kostümen. Das hat mich wirklich fasziniert als Kind, ich habe es nie vergessen. Als ich dann anfing, an der Tanzakademie zu studieren, zeitgenössischen westlichen Tanz, Ballett und Jazztanz, mussten wir eine Arbeit schreiben. Da habe ich mich wieder an den balinesischen Tanz erinnert. So hat es sich nach und nach entwickelt. Eine Frau aus Bali lebte in Holland in meiner Nähe. Bei ihr habe ich Unterricht genommen und da wusste ich, das ist es, ich will mehr darüber lernen.

Balinesische Tanztradition, europäische Klassik und Tanz im Alltag

Was haben balinesischer Tanz und westlicher Tanz gemeinsam, worin unterscheiden sie sich?

Aafke de Jong: Da gibt es große Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Wenn man klassisches Ballett und balinesischen Tanz vergleicht, die haben mehr gemeinsam. Die Art wie man trainiert zum Beispiel, man muss sehr jung damit beginnen. Es ist sehr präzise. Der Körper muss wirklich exakt in der Position bleiben. Wenn man jung ist, ist das natürlich leichter, weil der Körper noch geschmeidig genug ist, um diese Haltung zu halten. Aber ich als westliche Tänzerin habe keinen indonesischen Körper, deshalb ist es schwieriger für mich. Noch ein Unterschied: In Bali ist Tanz im Alltag verankert. Das hat mich auch sehr interessiert. Es hat viel zu tun mit deren Religion. Sie sind Hinduisten, sie haben eine eigene balinesische Religionstradition, die sich von der indischen unterscheidet. Es gibt sie nur in Bali. Die Rituale sind sehr wichtig, dazu gehören Gamelan-Musik, aber auch Tanz.

Wenn man sich auf diese Kultur einlässt, die sehr anders als meine eigene holländische Kultur ist, wird man sehr herzlich aufgenommen und eingeladen, mit den Menschen dort zu tanzen und zu lernen. Sie sind stolz auf ihre Kultur, sie mögen es, wenn sich andere Menschen dafür interessieren. Eine schöne Erfahrung für mich.

Worum ging es bei dem kurzen Tanzausschnitt ohne Musik im Stadtmuseum?

Aafke de Jong: Das war ein Teil meiner eigenen Choreografie, die ich gerade zusammen mit Iwan Gunawan mache, aus West-Java. Das ist ein anderer Stil. Ich arbeite mit Bewegungen aus Bali, aber auch mit anderen, westlichen Konzepten und versuche heraus zu finden, was können wir damit tun? Wie können wir diese Energie des balinesischen Tanzes anwenden, bei dem es sehr viele abrupte Veränderungen gibt, von eleganten, langsamen Bewegungen zur sehr wilden Ausdrucksformen, die man auch mit den Augen darstellt. Manchmal hält man sogar den Atem an. Das sind sehr harsche Bewegungen, das ist ein sehr spannender Wechsel. Die Wechsel sind immer sehr schnell im balinesischen Tanz, das möchte ich in meiner eigenen Choreografie auch erforschen.

Zum Auftakt der Reihe Indonesia #BronzeBambooBeats spielten Gamelan-Musiker vor der Mariahilfkirche unter freiem Himmel im Duett mit dem Glockenspiel der Kirche. Eine farbenprächtige Prozession zog später durch die Stadt, bis zum Stadtmuseum. Vom 08. Juni bis zum 17. Juni wird das Festival an sechs Schauplätzen über 50 verschiedene Konzerte, Workshops, Filme und Ausstellungen bieten.

Autor: Heinz Hollenberger ist Diplom-Journalist und berichtet immer wieder gerne über Kultur. In Texten, Fotos und Videos. In der Journalistenakademie München hat er die Bloggerin Dr. Tanja Praske kennen und schätzen gelernt. Sie bringt Museen in unser aller Smart Phones. Davon war Heinz Hollenberger als Experte für Video und Audiopodcasts sofort fasziniert. Deshalb unterstützt er Dr. Tanja Praske gerne dabei, Museen auch digitale Reichweiten zu ermöglichen. Bildung kann man gar zu weit fächern…
Bronze Bamboo Beats im TV Bericht | XING Profil Heinz Hollenberger

Informationen zum Museum

Münchner Stadtmuseum>
St.-Jakobs-Platz 1
80331 München
www.muenchner-stadtmuseum.de

Öffnungszeiten: Di – So 10-18.00 Uhr (achte auf die Schließtage)
Eintrittspreise: 3,50 – 7 Euro / Kinder und Jugendliche bis 18 J. freier Eintritt.

-> Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn doch bitte gerne weiter. Für mehr Kulturpower folge KulturTalk auf Facebook und abonniere meinen monatlichen Newsletter – ich freue mich auf dich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.