Waschtag, erotische Skulptur, digitale Hektik und Schönheitsgalerien | #Museumswelt – KW21/2020

Meine letzten Tipps aus der #Museumswelt datieren aus Mai 2016, zuvor bezeichnete ich sie als Lesestoff. Jetzt ist die Zeit reif, die Serie wiederaufleben zu lassen. Worum ging bzw. geht es dabei? In einer Wochenrückblende stelle ich dir sonntags sechs Artikel aus Museumsblogs vor, die ich gerne las. Die Serie dient dazu, die Lust zu wecken, Museumsblogs zu lesen. Du erfährst herrliche Geschichten. Heute geht es um digitale Betriebsamkeit von Kulturhäusern, Erotik mit Schönheitsidealen und Waschtag im Ruhrgebiet – eine bunte Mischung!

Lesestoff aus der Museumswelt
Lesestoff aus der Museumswelt.

Verzweiflungstat oder längst fällige Verlagerung der Aktivitäten? – Joanneum (18.05.2020)

Das Kunsthaus Graz ist noch geschlossen. Bis zur Wiedereröffnung unterhalten sich wöchentlich sechs Mitarbeiter über #KunstimNetz, Digitalisierung und ihre Chancen sowie Risiken. Das Stimmungsbild ist zwiegespalten. Fast vermeint man mehr Negatives als Positives herauszulesen: die Corona-Krise zeige Kulturinstitutionen im Hamsterrad digitaler Über-Angebote.

Sind sie als Zeichen von Sinnentleerung und Langeweile zu werten? Drückt sich darin die Angst vorm Verschwinden der Museen aus, weil nicht systemrelevant? Wohl ein Kandidat für das Unwort des Jahres 2020. Und natürlich darf die Ausspielung digital versus Aura des Originals nicht fehlen, weil das Digitale als Vermittlungsform einzig temporär und hinführend sei. Ein weit verbreitetes Stimmungsbild in der Museumswelt? Hoffentlich nicht. Ein Stimmungsbild der Rezipienten? Hmm … das wäre gut, zu erfahren, oder?

Skulptur ist mal zu erotisch, mal zu schwer – Kunsthalle Bremen (19.05.2020)

Superspannend, was es für Gründe gibt, warum Objekte im Depot zwangsweise verbleiben, obwohl anders vorgesehen. Nach 60 Jahren Dornröschenschlaf im Depot sollte die Skulptur „Adoratio” von Stephan Sinding erstmals in der umgestalteten Dauerausstellung „Remixes 2020 – die Sammlung neu sehen“ gezeigt werden. Die erotische Skulpturengruppe war zur Zeit ihrer Entstehung so beliebt, dass die Nackttänzerin Olga Desmond und ihr Partner Adolf Salge das Liebespaar 1913 in einem „Tableau vivant“ nachstellte. Fotografien davon konnten erworben werden.

Was verhindert nun die Aufstellung der Skulptur? Schlicht 1,3 Tonnen Gewicht. Damit war sie zu schwer für den vorgesehenen Raum. Wie wunderbar, dass es ein Blog gibt, das uns diese Geschichten erzählt – merci dafür!

Digital und analog durch die Krise – Schlösserblog (20.05.2020)

Auch Sebastian Karnatz von der Schlösserverwaltung fällt die coronabedingte hektische Betriebsamkeit der Kulturhäuser im digitalen Raum auf. Der Grundton ist reflektierend und differenziert. Die digitalen Angebote der Residenz Bamberg fußen auf längere Pläne, die aktuell (etwas) schneller umgesetzt wurden. Es sind Vermittlungsangebote für verschiedene Besuchergruppen. Sie ergänzen den analogen Museumsbesuch.

Sebastian führt die digitalen Angebote seines Hauses auf. Charmant ist die kleine virtuelle Ausstellung zur Residenz. Sie erinnert entfernt an die Digitorials des Städelmuseums – ein prima Einstieg, auch wenn die Überblendungen der Schriften etwas störend sind. Aber nicht nur digital ist einiges los, sondern analoge Museumsarbeit schreitet nach wie vor voran. Davon berichtet er ebenso.

Übrigens, schrieb Sebastian Karnatz einige Gastbeiträge bei mir im Blog, wir waren einst gemeinsam Volontäre in der Museumsabteilung der Schlösserverwaltung – was waren das noch für Zeiten und wie unterschiedlich entwickelten sich unsere Wege. Wobei … für den #HohenzollernWalk von 2017 arbeiteten wir wieder zusammen – eine geniale Aktion mit vielen Lerneffekten.

DigitalStory – Kulturgeschichte auf einen Klick – GNM_Blog (21.05.2020)

Das GNM arbeitet seit längerem an den DigitalStorys – ein neues Format, Kulturgeschichte digital zu erleben und in die Lebenswelt des Mittelalters anhand von Artefakten einzutauchen. Im Juli sollen die DigitalStorys online gehen, bis dahin zeigt uns das Team Einblicke in ihre Arbeit. Ausgangspunkt für das Projekt waren Besucherbefragungen, um herauszufinden, was diese interessiert, worüber er/sie mehr wissen möchten. Die einzige Vorgabe: Themen aus dem Mittelalter sollten es sein und zwar anlässlich der Sanierung der Mittelalterhalle. Der Favorit der Besucher: Alltag im Mittelalter – darüber wird es ab Juli mehr Informationen geben

Mit dem neuen, orts- und zeitungebundenen Format möchte sich das GNM vom Forschungsmuseum zum Besuchermuseum entwickeln. Wie das funktionieren kann, wird anhand einer Illustration aus Konrad Celtis: Norimberga 1502 gezeigt. Jetzt weiß ich, was ein Türmer ist – ein wunderbarer Ansatz.

Ich freue mich sehr auf weitere Appetizer zu den DigitalStorys im GNM_Blog, zumal ich konzeptionell am jungen Museumsblog mit beteiligt war – ein fesselndes Projekt, das noch weiterentwickelt wird. An dieser Stelle danke ich sehr Frau Dr. Andrea Langer für ihr Vertrauen. Sie zog mich hinzu und realisierte maßgeblich das Blog in kürzerer Zeit als geplant. Wunderbar die Zusammenarbeit: Wir stemmten coronabedingt alles digital.

Wann ist ein Mensch schön? Von Anna und Paulus Kaufmann – Jüdisches Museum München (22.05.2020)

Seitdem das Jüdische Museum München bei der Vernetzungsaktion #ErikaMann mit „Erika Mann und Gabriella Rosenthal: Ein vergleichbarer Weg?“ mitgemacht hat, fallen mir Blogposts zu Gabriella Rosenthal sofort ins Auge. Nichtsahnend lese ich hier über die Schönheitsgalerie König Ludwigs I., schon wird der Brückenschlag zur jüdischen Künstlerin gezogen. Ihr Schönheitsideal ist ein anderes als das des Königs, der makellose, schlanke und schöne Frauen von seinem Hofmaler festhalten ließ. Gabriella Rosenthal gibt die Menschen in Palästina so wieder, wie sie ihr auffallen, dick, dünn, hübsch, hässlich – alles nebeneinander. Mir gefällt dieser Querbezug zur Schönheitsgalerie Ludwig I., zumal ich heute auch auf die Residenz Bamberg im Schlösserblog eingehe.

Prima finde ich die Anregung, eine eigene Schönheitsgalerie zu zeichnen und dem Museum via E-Mail zu übermitteln. Ausgewählte Beispiele möchte das Museum zeigen. Wo? Das ist mir noch nicht ganz klar, aber das erfahren wir noch bestimmt. Jedenfalls stellt es zusätzlich Vorlagen für Rahmen zum Ausdrucken bereit. Bin sehr gespannt, wie das Angebot angenommen wird. Überlege mal, Mini davon zu erzählen – mal schaun‘.

Übrigens ist die Ausstellung eine meiner 13 Highlights für München ab Frühjahr 2020 – freue mich auf den Besuch!

Waschtag im Ruhrgebiet – Nostalgie in Wort und Bild – Ludwiggalerie (23.05.2020)

Schon verrückt – Schlagworte wie Waschen fesseln aktuell meine Aufmerksamkeit. Das liegt wohl an den zur Zeit weit verbreiteten Hygiene-Anweisungen. Also, angeklickt und in die Vergangenheit abgetaucht. Nicht dass ich dampfende Waschküchen erlebt hätte, wohl aber kann ich mich noch gut an die meiner Großmutter erinnern. Hier gab es noch das Waschbrett zum Schruppen, auch wenn ich sie dabei nie in Aktion gesehen habe.

Die Ludwiggalerie zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von Rudolf Holtappel von 1977. Es gibt eine Industrieanlage in Oberhausen, einen Bahndamm und eine Wäscheleine wieder – ästhetisch inszeniert von ihm. Dann folgen die Schilderungen eines noch lebenden Zeitzeugens, Rainer aus Essen, wie er den Waschtag als Kind erlebte. Schon glaubte ich, neben ihm zu stehen, eingehüllt in Wasserdampf und dem Nachempfinden der Mühsal der Mutter am Waschtag. Ein klasse Artikel!

Das waren sie meine sechs Museums-Blogposts für diese Woche. Welche hast du gerne gelesen?


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