Wimmelbilder in 3-D: Krippen im Bayerischen Nationalmuseum (2)

Witziges, teils Derbes und Überraschendes offenbaren dir die hochwertigen, theatralisch inszenierten Krippen im Bayerischen Nationalmuseum – fantastische Wimmelbilder in 3-D. Folge Dr. Thomas Schindler im zweiten Teil seiner Tour durch die Krippensammlung des Museums. Entdecke dabei Faszinierendes – es lohnt sich, versprochen!

Wimmelbilder in 3-D faszinieren, vor allem wenn es die Krippen im Bayerischen Nationalmuseum sind. Derbes und Unvorhergesehenes überraschen Groß und Klein. Es lohnt sich, nicht nur zu Weihnachten sich die Krippen anzuschauen.

Weihnachtskrippen zur „besinnlichen“ Unterhaltung

Im Unterschied zu häuslichen Weihnachtskrippen mit Heiliger Familie, Hirten, den Heiligen Drei Königen, Ochs und Esel bieten die Krippeninszeniereungen im Bayerischen Nationalmuseum eine unvergleichlich größere Vielfalt an rätselhaften Figuren und überraschenden Szenen aus zwei Jahrhunderten. In der Zeit zwischen 1700 und etwa 1900 dienten Krippen eben nicht nur zur besinnlichen Andacht, sondern auch zur heiteren, freudigen vorweihnachtlichen Unterhaltung.

Zu verdanken ist die einzigartige Präsentation des Museums dem Münchener Bankier Max Schmederer (1854-1917), der als legendärer Sammler einer der wichtigsten Erneuerer der Krippenkultur in Deutschland um 1900 war. Wer er war, was ihn auszeichnete, erfährst du in „Herr der Krippen in München: Max Schmederer. Sammler, Stifter, Visionär„.

Umfang und Bedeutung der Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums

Als Sammler erwarb der sehr wohlhabende Max Schmederer rund 6.000 Figuren etliche Ersatzteile, Einzelteile wie Köpfe, Hände, aber beispielsweise auch Schuhe oder Hüte. Alle diese Gegenstände zusammengenommen addieren sich wohl auf rund 20.000 Stück. Bemerkenswert an Schmederer war, dass er stets versuchte nur künstlerisch gelungene und handwerklich perfekte Stücke zu erwerben – in Einzelfällen kaufte er aber auch hochbedeutende komplette Krippen, wie die berühmte, um 1835/40 entstandene „Moserkrippe“ aus Bozen. Er bewahrte sie in der Art eines Denkmalschützers vor der Vernichtung. Allerdings greift es zu kurz, Max Schmederer auf einen Sammler mit glücklichem Händchen zu reduzieren.. Vielmehr war er ein genialer Krippenregisseur. Er erschuf mit sehr hohem technischen und minutiös geplantem Aufwand komplexe wie überraschende Krippenbilder. Sie suchen bis heute weltweit Ihresgleichen.

Krippen – Wimmelbilder in 3-D

Max Schmederer war ein Meister der theatralischen Inszenierung der Krippenbevölkerung. In bis zu zehn Meter tiefen und über zehn Meter breiten halbkuppelförmigen Großvitrinen ließ er an exakt berechneten Positionen maßstäblich an die Figuren angepasste Straßenzüge, Ruinen, Paläste oder Höhlen platzieren. Teilweise mehrere Hundert Figuren bevölkern die Szenerie. Besonders eindrücklich gelang ihm dies bei den an mal an renaissancezeitliche und mal an barocke Gemälde erinnernden neapolitanische Krippen. Sie sind bis heute Glanzstücke der Dauerausstellung.

In diesen „Wimmelbildern“ finden sich stets zahlreiche faszinierende Nebenakteure wie beispielsweise Spaghettiesser, Haremsdamen oder rauchende Fischer, von denen viele wie wohlhabende Bürger gekleidet sind. Katzen auf Taubenjagd oder zur Heiligen Familie watschelnde Truthähne laden zur Entdeckungstour ein.

Weihnachtskrippen mit kuriosen, teils derben Details

Die Papierkrippe des böhmischen Drechslers und Schnitzers Wenzel Fieger (1860-1924) zeigt neben einer ganzen Schafherde viele Teilszenen der Weihnachtsgeschichte den Storch als Kinderbringer auf dem Dach des Stalls, sich erleichternde Kühe, aus einem Brunnen saufende Ziegen oder einen Hirten, der dem Jesulein gestrickte Socken bringt.

Haben sie bereits den Hirten mit Fernrohr als Engelgucker in der Krippe aus dem Regelhaus der Innsbrucker Servitinnen bemerkt? Oder ist ihnen jemals aufgefallen, dass die einzige Krippe, in der Josef und seine Werkstatt im Mittelpunkt stehen, jedem Zimmermann ein Schmunzeln entlockt, weil die handwerkliche Tätigkeit völlig falsch inszeniert ist? Gehen Sie auf Entdeckungstour im Bayerischen Nationalmuseum!

Vorfreude auf Weihnachten

Ein überbordender Detailreichtum gehörte früher in öffentlich gezeigten Krippen einfach dazu – man wollte nicht nur die vorweihnachtliche Andacht fördern, sondern auch die Vorfreude auf die bevorstehende Geburt Jesu wecken. Aus beiden Gründen erschien es naheliegend viele kleine Geschichten in Krippenbildern zu verstecken, um das Interesse und die Schaulust zu wecken.

Autor: Dr. Thomas Schindler,
Konservator und Referent für Volkskunde

Informationen zum Bayerischen Nationalmuseum

Prinzregentenstraße 3
80538 München
Telefon +49 (0)89 21 12 40 1
bay.nationalmuseum@bnm.mwn.de
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Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr
Donnerstag 10 –    20 Uhr
Montag geschlossen

Eintrittspreis für Museum und Ausstellung

Erwachsene 7 Euro / Ermäßigt 6 Euro
Sonntags 1 Euro
Freier Eintritt für Mitglieder und Besucher bis zum vollendeten 18. Lebensjahr.

Weitere Blogbeiträge zum Bayerischen Nationalmuseum:
  1. Herr der Krippen in München: Max Schmederer. Sammler, Stifter, Visionär
  2. Waffen auf der Cadolzburg: Aufstieg und Niedergang der Armbrust
  3. Pieter Brueghel in 3D – die „Volkszählung zu Bethlehem“ neu interpretiert
  4. Nymphenburger Porzellan: ein Lustgarten en miniature | #Lustwandeln
  5. Christoph Brech: „Überleben“ im Bayerischen Nationalmuseum
  6. Münchner Museumstour für Kinder mit Migrationshintergrund – Bayerisches Nationalmuseum (1)
  7. Ritter, Helden und Raufbolde

Was fasziniert dich an Weihnachtskrippen? Hast du eine Lieblingskrippe im Bayerischen Nationalmuseum?

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