Kunstvermittlung: schuldig pro Banalisierung der Kunst? #Lesetipp

#Lesetipps "Woanders hingeschaut"Kunstvermittlung – ist sie oder ist sie nicht schuldig für die Banalisierung der Kunst? Diese Frage wird seit dem Zeit-Artikel „Stoppt die Banalisierung“ unter Kulturschaffenden heiß diskutiert. Ich fände es fein, wir kämen aus unserer Filterblase heraus und diskutierten das Thema mit denen, die Kunst ansprechen sollte. Aber wer sind die? Sind das die Kulturinteressierten oder die „aus-Versehen-ins-Museum-Gestolperten“? Wieso bist du denn ins Museum „gestolpert“? Gab es bestimmte Anreize dazu? Welche? Oder sind dir Museen fern? Was hat das nun mit #Lesetipp zu tun?

Viel! Dazu gleich mehr. Mein erster Impuls, nachdem ich den Zeit-Artikel las, war: Scham als Kulturschaffende zu empfinden – was für ein Bildungssnobismus herrscht da vor? Schon mal etwas von verschiedenen Zugängen für verschiedene Personen oder Dialoggruppen gehört? Warum nicht Kunst für viele erfahrbar machen? Warum nicht verschiedene Angebote mit unterschiedlichen Vertiefungsebenen schaffen, wenn die Neugier geweckt ist? Tatsächlich muss diese erst einmal geweckt werden. Nicht jede Maßnahme in der Kunstvermittlung fruchtet, gleichwohl sollte der Kulturinstitution das Recht eingeräumt werden, zu testen. In meinen Augen ist das Aufgabengebiet von Museen vielfältig: sammeln, forschen, bewahren UND einen Bildungsauftrag erfüllen. Die Bedingungen sind dazu nicht immer optimal – nur: Museen sind für die Menschen da, einerseits zur Bildung eines kollektiven Gedächtnisses über die Geschichte der Werke, andererseits als außerschulischer Lernort oder auch Erfahrungsraum.

Kunstvermittlung mit Strategie vs. Gießkannenprinzip

Sinnvoll ist es natürlich, das Museum überlegt sich, warum es was macht, welche Ziele es mit seinem Vermittlungsformat erreichen möchte. Und was passiert, wenn die Ziele erreicht sind, welche Angebote gibt es dann für den „ins-Museum-Gelotsten“?

Kunst tut weh, wenn sie nicht berührt. Kunst darf dabei ruhig aufwühlen, ob positiv oder negativ – für mich ist das schnurz. Kunst löst ein Nachdenken aus! Gleichgültigkeit tut mir weh. Gut. Kritiker können einwenden, einmal abgeschreckt, immer abgeschreckt. Ja, das kann gut sein. Alle wird die Kulturvermittlung nicht mitnehmen – ist das denn gewollt? Gegenfrage: Kann es sich das Museum leisten, nur wenige, eben die, die dem Bildungsbürgertum entstammen, mitzunehmen? Wichtiger ist für mich die Strategie der Kunstvermittlung zu definieren, ein Gießkannenprinzip führt hier nicht weiter – genauso wenig wie das Marketing einer Ausstellung, das alle ansprechen möchte – das ist gesichtslos und zum Scheitern verurteilt – aber vielleicht irre ich mich – dann nur her mit den Gegenargumenten.

Der Autor des Zeit-Artikels scheint das Gießkannenprinzip anzuprangern. Lies unbedingt die Kommentare – sie geben ein prima Stimmungsbild der Reaktionen wieder. Für mich gibt es unterschiedliche Zugänge mit unterschiedlichen Ansprüchen, diese müssen definiert werden – und ja, hier wäre es fein und gefordert, den einmal Berührten nicht alleine zu lassen. Das setzt gelebte Dialogbereitschaft des Museums voraus. Hier erinnere ich an die Gegensätze von: „14 Gründe, warum Museen kein Social Media brauchen“ und „Museen werdet mutiger“ – spannende Ansätze gibt es.

Der Blogpost wird kontinuierlich ergänzt um aktuelle Positionen zum Thema.

#Lesetipps zur Banalität in der Kunst:

Hier nun meine Lesetipps zum Thema „Banalität der Kunst“ als Diskussionsstoff:

Katharina Förster, wissenschaftliche Volontärin bei @kosmosweimar, beleuchtet in einem sehr lesenswerten Gastartikel auf „Let’s talk about arts!“ zu Recht sehr kritisch den Zeit-Artikel und forderte den Autor, Wolfgang Ullrich, zur Stellungnahme heraus – hervorragend – unbedingt die Kommentare lesen und mitdiskutieren!

Anke von Heyl aka @kulturtussi führt die Banalisierung der Kunst, die auch Thema des stARTcamps in Münster 2015 war, treffend am Beispiel der Museumselfies aus, wiederum mit einer ausgiebigen Diskussionskultur in den Kommentaren – die Kulturblogger stoßen vermehrt Dialogbereitschaft an und das freut mich außerordentlich!

Lesenswert zum Thema ist der Artikel „stARTcamp Münster: Sind die Social Media-Aktivitäten im Kunst und Kulturbereich banal?“ von Christian Henner-Fehr, der Banalität definiert und zur Stellungnahme auffordert, die prompt erfolgt, auch vom Künstler @Frank8233.

Kunstvermittlung kann auch nach hinten losgehen, so erlebt von Sabine Scherz und beschrieben in: „Ein absurd-skurriler Besuch im Museum für Kommunikation Berlin“ – macht mich sprachlos – eine Bestätigung von Wofgang Ullrichs „fehlgeleiteten“ KunstvermittlerInnen? Danke @BibAltonensis für den Lesetipp via Twitter!

Was bedeutet Kunstvermittlung den Museen?

Jetzt sprachen nur Wissenschaftler und Kulturschaffende – Zeit also, zwei Museen zu ihren Strategien der digitalen Kulturvermittlung direkt zu Wort kommen zu lassen:

Hach, wieder einmal verweise ich auf eine meiner liebsten Sparring-Partnerinnen im Social Web: Anke interviewte Chantal Eschenfelder, zuständig für die Vermittlungsarbeit des Städelmuseums, über „Kunstvermittlung in Digitalien“ – Konzept und Zielsetzung – klarer Hörtipp!

Die Fondation Beyeler geht ebenfalls neue Vermittlungswege mit dem Multimediaraum zur Ausstellung „Paul Gauguin“ in Basel ein. Ein Interview mit der Macherin klärt über das Konzept auf.

Kunstvermittlung durch Blogger

Kunstvermittlung findet so oder so statt, auch von den „Nicht-Profis“ und das mag ich kolossal gern. Sie offenbaren eine unmittelbare Wahrnehmung der Kunst, eine Auseinandersetzung mit dem Gesehenen, befreit vom analytischen Wissensbalast, aber beladen mit einer gehörigen Portion Neugier, sich Phänomene auf eigene Faust zu erschließen. Sie und ihre Leser sind spannende Dialoggruppen für Museen. Warum sich also nicht in die Gespräche einschalten? Oder was hältst du von „Lecce: Family4Travel goes Kunstgeschichte – oder die Stadt der angebissenen Statuen“ via @family4travel – ein herrlicher Titel!


Update zur digital-analogen Kulturvermittlung vom 25.11.16

#Lustwandeln in Nymphenburg und Schleißheim

Digital-analoge Kulturvermittlung und ihre Fragen, Diskussionen und Dispute sind mir wichtig. Deshalb wird dieser Post hier fortwährend im Nachtrag fortgeführt. Zuletzt nuancierte Wolfgang Ullrich die Rolle des Museums als Hort zur Vermittlung von „Kunst für alle“, Folge der 1968er Diskussion (Nachtrag vom 17.11.16). Da ich im Ursprungspost auf das Lustwandeln in Schleißheim einging, noch bevor dieser stattfand, ist es jetzt Zeit, das Resultat davon und von der Wiederauflage des #Lustwandelns in Schleißheim am 8.10.2016 zu berichten – denn beide Tweetwalks waren grandios sowohl von den Berichten als auch den Zahlen. #Lustwandeln hat sich zu einem erfolgreichen digital-analogen Kulturvermittlungsformat entwickelt. Ich schrieb gerade einen Magazin-Artikel darüber, der im März 2017 erscheinen wird. Gleich setze ich mich auch noch für den Abschlussbericht für die Schleißheim-Aktion ran, der auf dem Blog des Residenzmuseums erscheinen wird. Ein Tweetwalk verläuft ähnlich zu einem Tweetup. Was genau das ist, kannst du nachlesen in: „Tweetup – was bringt es? Von der Idee zur Entwicklung„.

Tweetwalk #Lustwandeln im Schlosspark Nymphenburg (19.4.15)

Das Lustwandeln im Schlosspark Nymphenburg verlief grandios. Zahlreiche Blogposts entstanden im Vorfeld und danach. An dem Tag direkt entwickelte sich das Hashtag #Lustwandeln zum Thema „Englischer Landschaftsgarten“ zum viralen Selbstläufer, deutschland-, europa- und weltweit machten die Menschen mit. Das Thema infizierte. Unbeteiligte mischten aus Lust mit. Es war unglaublich. Diese Partizipation vieler begeisterte mich, mich begeisterte vor allem auch die Inhaltstiefe und Emotionalität in der Nachberichterstattung. Am Ende gewann die Bayerische Schlösserverwaltung den Virenschleuderpreis 2015 in der Kategorie „ansteckendste Kampagne“. Der Preis wurde im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2015 verliehen. Was genau geschah, kannst du nachlesen in: „Tweetup oder Tweetwalk: Was bringen sie? #Lustwandeln zeigt’s!!“ – danke nochmals an alle Mitwirkenden.

Tweetwalk #Lustwandeln in der Schlossanlage Schleißheim 88.10.16)

Schon direkt nach dem ersten Tweetwalk kam der Ruf nach einer Wiederauflage des #Lustwandelns auf. Im Oktober 2016 war es dann soweit. Dieses Mal organisierte ich das #Lustwandeln für die Schlösserverwaltung. Ziel war es, die Schlossanlage Schleißheim ins Bewusstsein der Münchner und der Menschen im Umfeld zu rücken. So nah an München und doch zehn mal weniger besucht als Nymphenburg. Das Thema galt der Barockkunst. Anders als in Nymphenburg bezogen wir das Neue Schloss sowie den historischen Obstgarten mit im Tweetwalk ein. Wir erweiterten damit die Sinne, vielfältiger Genuss inklusive. So zeigten wir Bekanntes und vor allem Unbekanntes, verrieten Geheimnisse und ließen den Tag beim Obst im Glas im Schnapskeller ausklingen. Auch dieses Mal gab es Vorberichte und andere machten im Netz mit. Der BR berichtete zweifach darüber und die SZ im Lokalteil.

Was mich besonders freute, war der Facettenreichtum der Blogger in den Nachberichten – so wunderbar. Trotz des Multitasking der Teilnehmer vor Ort – hören, sehen, schmecken, fühlen und unmittelbar berichten auf Twitter, Facebook, Instagram, Vine, Snapchat – blieb viel hängen, vor allem die Begeisterung. Es wurde nachrecherchiert und der Walk aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet – klasse – ein ganz herzliches Dankeschön dafür.

Die Berichterstattung wird zweifach dokumentiert auf:

  1. Bei mir „Tweetwalk #Lustwandeln in Schleißheim – zu Gast beim „Blauen Kurfürsten“ – das war auch der Aufruf, im Nachtrag findest du die Ergänzungen.
  2. bei der BSV „Tweetwalk #Lustwandeln in Schleißheim – zu Gast beim »Blauen Kurfürsten«. „Ich kann Kaiser“ auf bayerisch: Tweetwalk #Lustwandeln auf den Spuren des »Blauen Kurfürsten« in Schleißheim (8. Oktober 2016)“ – hier bleibt die Dokumentation wohl bis Frühjahr 2017.

Nachtrag – die Banalisierungs-Diskussion geht weiter:

Lektüre-Tipp zum Thema:

Wolfgang Ullrich, „Der kreative Mensch. Streit um eine Idee“, Salzburg, Wien 2016.

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