Arten Kultur zu erfahren – (außer)alltäglich & ästhetisch | #KultBlick

Wie schaut die ästhetische, die alltägliche bzw. außeralltägliche Kultur- und Kunstbetrachtung aus? Welche Arten Kultur zu erfahren gibt es überhaupt? Darüber denkt Hildegard Mihm im heutigen Gastbeitrag nach. Du kennst sie schon vom Warenhauskunst-Artikel. Jetzt verrät sie uns ihre Gedanken zur Blogparade #KultBlick des Archäologischen Museums Hamburg. Es wird tiefgründig und spannend – versprochen!

Arten Kultur zu erfahren können unmittelbar passieren. Was löst ein roter Handschuh am Wegesrand aus? Foto: Hildegard Mihm. Beitrag zur Blogparade #Kultblick

Arten Kultur zu erfahren können unmittelbar passieren. Was löst ein roter Handschuh am Wegesrand aus? Foto: Hildegard Mihm.

Aus dem Rahmen gefallen
Von den verschiedenen Arten Kultur zu erfahren

Was ist Kultur, wie begegne ich ihr, wie blicke ich auf sie? Allein die Frage, was unter Kultur zu fassen ist, füllt Bibliotheken. Folgende Facetten sind für mich hier von Belang: das Verständnis von Kultur im Bezug auf die Gebräuche und Werte ebenso wie das menschliche Schaffen innerhalb eines bestimmten zeitlichen, örtlichen, sprachlichen oder auch sozialen Raumes. Zum anderen will ich auf das die Kunst umfassende Verständnis von Kultur eingehen. Wobei die Frage zu stellen gewagt sei, wo die ästhetische Erzeugung anfängt. Ein oft unbeachtetes Element ist meines Erachtens die ästhetische Erfahrung, die ihren entscheidenden Anteil zum Erzeugungsprozess beiträgt. Doch dazu gleich mehr.

Offen sein, um Kultur zu erfahren

Gerade in heutigen Zeiten ist mir zunächst folgende Feststellung wichtig: Verlieren kann ich Kultur nur, wenn ich zu stark in ihr verharre. Nicht nur entsteht erst durch den Austausch mit einem Gegenüber das soziale Bewusstsein und mit ihm das Subjekt. Zugleich eröffnet der Kontakt zum Anderen überhaupt erst die Möglichkeit der eigenen Kultur gewahr zu werden. Denn Kultur ist etwas, das meinen Alltag prägt. Aufgrund dieser Alltäglichkeit nehme ich die aktuell mich umgebende Kultur normalerweise gar nicht wahr, da diese der Norm der Wahrnehmung entspricht. Erst wenn etwas aus dem gewohnten Rahmen fällt, bietet sich die Chance, Kultur überhaupt als diese wahrzunehmen. Dieses „aus dem Rahmen fallen“ bitte ich im Hinterkopf zu behalten, denn es wird noch von Bedeutung sein.

Was ich an dieser Stelle sagen möchte, ist ganz einfach: Einerseits begegnet mir Kultur Tag für Tag, doch wirklich erfahren kann ich sie erst aus einer Distanz heraus, aus einem veränderten Blick auf die Gegebenheiten. Dies geschieht, wenn ich mich auf Reisen begebe, sei es im wortwörtlichen Sinne, indem ich mir unbekannte Kulturräume erschließe und bspw. andere Länder bereise, oder auch im übertragenen Sinne, bspw. bei dem Besuch eines Museums. Ich muss mich also öffnen, um Kultur wirklich erfahren zu können.

Oft sind es die kleinen Dinge

Wenn ich mich auf Reisen begebe, sind es oft die kleinen Dinge, die mir ins Auge fallen und Unterschiede bspw. in der Esskultur erfahrbar machen. Dies kann ganz beiläufig geschehen. Bei einem Aufenthalt in Hongkong wurde ich zum Beispiel stutzig, als mir beim Durchstreifen eines Supermarktes ein Netz mit drei Kartoffeln auffiel. Klar, die Kartoffel hat im chinesischen Raum auf dem Speiseplan einen anderen Stellenwert, das war mir bewusst, dennoch musste ich unwillkürlich innehalten.

Blick auf unterschiedliche Kartoffeln im Verkauf, illustrierend zum Stutzig-Werden. Hildegard Mihm, Beitrag zur Blogparade #KultBlick

Kartoffeln in Hongkong – Möglichkeit des Stutzig-Werdens in der Alltagserfahrung? Foto: Hildegard Mihm.

Diese kleinen Erfahrungen im Alltäglichen, die mich innerlich einen Moment innehalten lassen, sind für mich die wertvollsten. Natürlich erkenne ich den Wert der Kontextualisierung und Fundierung von Kultur innerhalb eines professionellen „Rahmens“. Wir sollten uns jedoch nicht die Möglichkeit des Stutzig-Werdens in der Alltagserfahrung nehmen lassen.

Von der Erfahrung des Außeralltäglichen

Gerne nutze ich die Gunst der Stunde und wende mich bei dieser Gelegenheit etwas zu, was mich schon eine Weile umtreibt. Denn ein weiterer Aspekt, der mir bei dem Blick auf Kultur ins Auge springt, ist dem die Kunst umfassenden Kulturbegriff geschuldet. Dieser führt mich auf die ästhetische Erfahrung zurück. Angelehnt an den Soziologen Alfred Schütz, an dessen Denken ich mich im Folgenden unter anderem grob orientieren möchte, ist diese als außeralltägliche Erfahrung zu fassen (ähnlich wie die Erfahrung der Welt des Spiels, der Religion, der Wissenschaft oder auch des Traumes etc.): als Erfahrung also, die von der alltäglichen Erfahrung abweicht, zugleich aber die Alltagswelt als Ausgangspunkt hat, von dem sie sich zunächst entfernen muss. Dieser Eintritt in die außeralltägliche Erfahrungswelt ist entsprechend markiert, damit wir sie als etwas von der alltäglichen Erfahrung Abweichendes einordnen können.

Eine außeralltägliche Erfahrung wie die ästhetische, die laut Michael Theunissen der Betrachtung der Kunst vorgelagert und in dem Alltag „eingesprengt“ ist, ist also im wahrsten Sinne des Wortes etwas, das aus dem Rahmen fällt, uns einen Augenblick verharren lässt oder auch einen sogenannten „Schock“ in uns auslöst.

Die Betrachtung der Kunst

Der Kunstbetrachtung wenden wir uns jedoch – wie bei dem Besuch von Kunstausstellungen – in einem bewussten Modus zu. Hier geschieht die Konfrontation mit Kunst innerhalb eines bestimmten Rahmens.

Es kann sogar zum Teil von einer doppelten Rahmung gesprochen werden. Nicht nur wenden wir uns der Kunst im Rahmen einer Ausstellung zu, das Kunstwerk an sich erfährt dabei ebenfalls eine Rahmung und Einordnung bzw. Kennzeichnung als Kunstwerk. Dieser Rahmen ist quasi als Markierung zu verstehen, die uns den gezielten Eintritt, die gezielte Hinwendung zur außeralltäglichen Erfahrungswelt ermöglicht.

Die ästhetische Erfahrung

Ganz anders ist es im Alltag, wo die außeralltägliche Erfahrung eher aus dem Rahmen fällt. Begegnet mir also mitten im Alltäglichen etwas Außeralltägliches, empfinde ich den Eintritt in diese Erfahrung oft als viel intensiver und deutlicher. Hier streife ich das Phänomen der Epiphanie, welche in der Literatur der Moderne – angestoßen durch James Joyce – eine größere Beachtung gefunden hat.

Stoßstange auf Eis zur Illustration des Unerwarteten, das uns stutzig werden lässt. Beitrag von Hildegard Mihm zur Blogparade #KultBlick

Verharren wir, weil wir Unerwartetes sehen. Foto: Hildegard Mihm.

Doch die ästhetische Erfahrung und mit ihr die Epiphanie bedarf einer gewissen Einstellung oder auch Haltung, damit die BetrachterIn sich ihr überhaupt zuwendet und sich aus dem alltäglichen Erfahrungsraum entfernt. Der Schriftsteller Wilhelm Genazino spricht in diesem Zusammenhang von einer „Magieerwartung“. Die Magie wohnt nach Genazino nicht in den Dingen selbst, sondern wird eigentlich erst durch die innere Erfahrung der BetrachterIn bzw. der KünstlerIn erzeugt und ist von dieser daher entsprechend geleitet.

Verloren und Wiedergefunden

Begegnet mir zum Beispiel ein am Boden liegender Handschuh, kann ich diesen einfach als einen alltäglich verlorenen Gegenstand einordnen und weiter meines Weges gehen, andererseits kann mich die Erfahrung dieses Gegenstandes in einer ganz anderen Art und Weise erfassen, sofern ich die Bereitschaft dazu in mir trage. Genazino spricht hier von der „philosophischen Technik des ausgesonderten Sehens“. Es bedarf also eines besonderen Aufmerksamkeitsgrades, um sich von der ästhetischen Erfahrung aus dem Alltag davontragen zu lassen.

Der im Alltäglichen aufgefasste Moment des Innehaltens oder des Erstarrens beinhaltet zudem eine von dem standardisierten Zeitempfinden abweichende Zeiterfahrung: die innere Zeiterfahrung. Diese wird als lebendig erfahren und kann sich bis ins Unermessliche ausdehnen. Was stillsteht, ist der Alltag.

In gewisser Weise ist es mit der ästhetischen Erfahrung, wie mit etwas, das Verloren gegangen ist und wiedergefunden wird. Der plötzliche Moment des Findens, des Erkennens ist vergleichbar mit dem Eintritt in das Ästhetische.

Literaturhinweise
  1. Berger, Peter L. / Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Mit einer Einleitung zur deutschen Ausgabe von Helmuth Plessner. Übersetzt von Helmuth Plessner. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2004.
  2. Genazino, Wilhelm: Die Belebung der toten Winkel. Frankfurter Poetikvorlesungen. München/Wien: Carl Hanser Verlag 2006.
  3. Schütz, Alfred: „Über die mannigfaltigen Wirklichkeiten“. In: ders.: Werkausgabe Band V.1: Theorie der Lebenswelt 1. Die pragmatische Schichtung der Lebenswelt. Hrsg. von Martin Endreß und Ilja Srubar. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2003. S. 181-247.
  4. Theunissen, Michael: Negative Theologie der Zeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1991.

Autorin: Hildegard Mihm ist Kulturwissenschaftlerin und Social Media Pilotin. Sie interessiert sich insbesondere für Alltagskultur, Literatur, Kunst, Nachhaltigkeit und aktuelle Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung. Sie bloggt aber auch über Lebensmittel-Fermentation und den Prozess ihrer Memorierung auf ihrem Blog Fermentationspace. Twitter| Instagram

Liebe Hille,
ein ganz dickes Dankeschön für diesen reichhaltigen Denkstoff. Als ich ihn erstmals las, haute er mich um. Ich bin begeistert, zu welchen Gedankengängen wir motivierten – Kunst, Kultur und ihre Betrachtung ist so vielschichtig – MERCI!

 
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