Schüttenhoff 2014: Bodenfelde lässt es krachen

Pfingsten stand in Bodenfelde ganz im Zeichen des Schüttenhoffs 2014. Alle fünf bis sechs Jahre feiert der Ort an der Weser ein fantastisches Fest – den Schüttenhoff. Bodenfelde lässt es dann gewaltig krachen. Das ganze Dorf wirkte mit viel Herzblut mit. Jung und Alt feierten ausgelassen bei tropischen Temperaturen. Ob Junge oder Alte Garde, Jäger, Husaren, Artillerie, Pioniere, Sanitäter oder Marine – sie alle stürzten sich tagsüber ins „blutige“ Kampfgetümmel und fetzten am Abend zu heißen Beats. Einfach nur: WAHNSINN!

Just abgefeuerte und rauchend Kanone der Artillerie.

Die Artillerie demonstriert ihre krachende Stärke. Nix für schreckhafte Menschen. Schüttenhoff 2014.


Im wahrsten Sinne des Wortes. Die friedliche und positive Stimmung, das Gefühl des einenden „Wir“, schlägt Außenstehende wie mich in ihren Bann. Schon verrückt eine 400 Mann starke Horde kampferprobter Recken zwei Tage lang in brütender Hitze in Action zu erleben. Alle kostümiert – Hut ab bei den Temperaturen. Ein ganzes Dorf fiebert diesem Ereignis entgegen, mischt munter und feucht fröhlich mit.

Was ist ein Schüttenhoff?

Junge Garde SchuettenhoffIn Bodenfelde feierten sie das erste Mal den Schüttenhoff 1674. Der Schüttenhoff ist eine Art Schützenfest. Ursprünglich sollten junge Männer nach der fatalen Brandschatzung des Ortes 1631 während des Dreißigjährigen Krieges Schießübungen machen. Sie bereiteten sich damit auf den Ernstfall vor, ihren Ort zu verteidigen. Das ist der eine Grund für das Fest, der andere ist ganz profaner Natur – nämlich Neid. Die jungen Männer suchten zu Pfingsten das Schützenfest im Nachbarort auf, Einnahmen aus entgangenem Bierkonsum fielen dadurch aus. Nach herzoglicher Genehmigung erhielten die Bodenfelder ihr eigenes Schüttenhoff. Die genaue Geschichte könnt Ihr auf der Website des Schüttenhoffs nachlesen.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die Festlichkeiten immer opulenter. Im 2. Weltkrieg fiel das Fest für viele Jahre aus. Erst 1964 fand es wieder statt und findet seither alle fünf/sechs Jahre statt. Kein Wunder also, dass der ganze Ort dem Fest entgegenfiebert. Es bedarf aber auch die Zeit, um die finanziellen Mittel für den Kostümverleih, den Heeresmusikkorps Kassel, die organisatorische Infrastruktur etc. zusammen zu bekommen. Aber es lohnt sich, auch für Außenstehende …

Ablauf des Schüttenhoffs in Bodenfelde

Schuettenhoff 2014Das Fest erstreckt sich über das Pfingstwochenende. An zwei Tagen sind alte und junge Männer auf den Beinen und bekriegen sich voller Elan an mehren Stellen des Ortes. Alles wird dazu aufgeboten: Schiffe auf der Weser für die Marine, Pferde für die Husaren, Kanonen und Kutschen für die Artillerie, Barrikaden für die Pioniere, zwei Häuser zum Abfackeln, Gewehre für die Junge Garde und die Jäger, sowie Sanitäter für Blessuren. Ach ja, einen Gefangenenaustausch und Bier gibt es auch. Und der Ausgang ist festgelegt: die Verteidiger des Ortes – Jäger, Alte Garde, Marine und Pioniere – verlieren grundsätzlich. Sieger sind die Angreifer mit der Jungen Garde, den Husaren und der Artillerie. Die Schüttenhoff-Seite informiert Euch genau über das Drehbuch der überlieferten Spiele.

Gerichtsverhandlung am Pfingstmontag

GerichtsverhandlungAm Pfingstmontag findet die Gerichtsverhandlung bei Freibier statt. Selten musste ich so lachen. Verhandelt werden Fälle, die sich im Vorfeld oder während der Festtage ereignet haben. Beispielsweise klagte der Staatsanwalt einen Husaren für das Vergehen an, mit seinem Pferd in einer Schenke eingeritten zu sein, um Bier für sich und nicht für das alkoholkranke Pferd zu holen. Ein anderes Mal ging es um unterlassene Hilfeleistung. Kameraden ließen einen Seemann im Stich, der enormen Tiefgang bei einer (Trink-)Übung hatte und mehrfach auf Tauchgang ging. Erst beherzte Junggardisten nahmen sich seiner an und schafften ihn in einer Schubkarre heim. Zur Strafe musste ein Kamerad den Verteidiger, ein Schwergewicht, in einer Schubkarre durch den Saal schieben – ein Brüller, es handelte sich hier um den allseits beliebten Pfarrer des Ortes – super sympathisch. Bei einem dritten Fall feuerten Artillerieleute nach einer Übung mit Blutwurstpellen aus einer Tischkanone auf die Wand ihres Offiziers, der sich bereits zurückgezogen hatte. Dabei ging ein Bild zu Bruch. Die Frau des Hauses jagte die Schützen raus.
Man kann den Witz der Akteure kaum in Worte fassen. Es war einfach nur klasse!

Hexentanz und Fackelzug zur Beerdigung des Schüttenhoffs

HexentanzNach der Gerichtsverhandlung durften die Frauen mitmischen. Im Kapellenzug tanzten sie wild durch den Ort und machten Jagd auf Männer, die sich freikaufen mussten. Die Stimmung war bombig, die Blasmusik klasse. Das Heeresmusikkorps Kassel spielte Klassiker aller Art, auch Jim Knopf oder die Biene Maja waren darunter. Hach, wie herrlich, tatsächlich feine Musiker mit einem guten Gespür, die Stimmung anzuheizen. Ihr Chef, Reinhard Kiauka, hatte seinen letzten Einsatz hier. Zukünftig spielt er für die Kanzlerin. Was es alles gibt?!

Um Mitternacht zieht die Festgesellschaft zum Haus des Generalfeldmarschalls. Hier werden Dokumente in einer Flasche und damit der Schüttenhoff beerdigt.

Die Dokumentation des NDRs zum Schüttenhoff vermittelt euch einen guten Überblick der Festspiele.

Berittene Husaren greifen ins Kampfgeschehen ein. Schüttenhoff 2014.

Die Husaren greifen ins Kampfgeschehen ein. Schüttenhoff 2014.

Jaäger kämpft mit dem Degen gegen einen Soldaten der Jungen Garde. Schüttenhoff 2014.

Noch sieht der Jäger siegesgewiss aus, am Ende verliert er den Kampf gegen die Junge Garde. Schüttenhoff 2014.

Die friedvolle und ausgelassene Stimmung, die den ganzen Ort zur Schüttenhoff-Zeit erfasst, macht Bodenfelde für mich zum schönsten Dorf und ist damit mein Beitrag zur Blogparade „Die schönsten Dörfer der Welt“ von Oliver Zwahlen (Weltreiseforum).

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7 Kommentare

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  4. Hallo Frau Praske,
    wenn jemand auf einem persönlichen Blog über unseren Schüttenhoff in Bodenfelde berichtet, finde ich dieses wirklich Klasse. Es ist schön zu lesen, dass es Ihnen bei uns gefallen hat und Sie viel Spaß bei unserem Fest hatten.
    Vielen Dank und viele Grüße aus Bodenfelde
    Thomas Fieber

    • Tanja Praske

      Lieber Herr Fieber,

      vielen herzlichen Dank für Ihre lieben Worte hier bei mir. So macht es mir doppelt Spaß über ein famoses Fest zu schreiben. Ein Fest, dass ich als Außenstehende schon länger kenne. Ich glaube, ich war schon viermal dabei! Kanonen-Koch ist mein Schwiegervater.

      Auch 2019 werde ich wohl wieder dabei sein!

      Wünsche Ihnen und allen Bodenfeldern alles, alles Gute und sage nochmals – Danke für diesen wunderbaren Schüttenhoff!

      Sonnige Grüße aus München
      Tanja Praske

  5. Auch wenn ich sonst eher nicht so auf kriegerische Handlungen stehe: das ist schon herrlich und vor allem zeigt es, wie die Menschen früher tickten. Rituale, sag ich nur. Habe gerade noch gelernt, wie identitätsstiftend sie sein können.
    Liebe Grüße von Anke

    • Tanja Praske

      Liebe Anke,

      ja – das stimmt! Rituale sind das Salz in der Suppe. Sie stiften Identität und können friedvoll vermitteln, wenn sie positiv ausgelegt sind. In Bodenfelde während des Schüttenhoffs war das so. Der Schüttenhoff vereint die Alteingesessenen und die Dazugereisten – das ist die große Leistung des Festes. Ich bin noch immer geflasht davon. Ich habe schon einige Schüttenhoffs erlebt und immer wieder erwischt mich das Fest.

      Faszinierend ist auch wie der Pfarrer des Ortes allen Schmarrn mitmacht, ob mit alt oder auch jung. Die Konfirmanten kommen gerne zu seinem Unterricht und in die Kirche – am Ende winkt auch schließlich ein Grillfest für sie. Er mobilisiert alle. Die Kirche ist zurzeit ausgeräumt, im Zuge der Gerichtsverhandlung wurde eine Kompanie dazu verdonnert, beim Einräumen wieder zu helfen. Für sie ist es allerdings keine Strafe, sie machen es gerne für ihren Pfarrer und dieser wird sich sicherlich rührend um ihr Wohl währenddessen kümmern.

      Solche Pfarrer benötigt das Land, Pfarrer, die hervorragend vermitteln können und dabei verdeutlichen, dass der Glaube ein einendes Element sein kann. Der Ansatz ist nur ein anderer als es sonst üblich ist. Aber jetzt begebe ich mich wohl auf gefährliches Terrain. Fakt ist, der Pfarrer ist toll und geht auf die Menschen zu, holt sie dort ab, wo sie sich befinden #unterschiedlicheAnsprache.

      Freue mich darauf, bald wieder von dir zu lesen, meine formidable Mitstreiterin pro Kultur!

      Herzlich,
      Tanja