Studienjahr in Paris: Lebens- und Lernkultur einmal anders!

Es war schon als Mädchen mein Traum, eine Zeit lang in Frankreich zu leben. Das Studium gab mir dazu die Chance. Uns Erstsemester empfahl man gleich zu Beginn: „studierst du Kunstgeschichte, dann musst du das Institut auf jeden Fall einmal wechseln“ – das bedeutete entweder ein Uniwechsel oder ein Auslandssemester. Ich entschied mich für ein Studienjahr in Paris. Ganz aus Versehen machte ich dort meinen Studienabschluss. Was ich dort wie erlebte ist meine #KultDef: Lebens- und Lernkultur einmal anders!

Studienjahr in Paris: Tanja schreibt ihre Maîtrise, 1999, hier beim House-Sitting!

Studienjahr in Paris: Tanja schreibt ihre Maîtrise, 1999, hier beim House-Sitting!


Die Idee über mein Studienjahr in Paris zu schreiben, vermittelte mir Marlene Hofmann durch ihre #KultDef – der Ländervergleich Dänemark – Deutschland. Ich stimme ihr zu, ein längerer Auslandsaufenthalt verändert den Blick auf das Heimatland, die eigene Kultur in allen Lebenslagen. Tja, man lernt sogar die heimatliche Lebenskultur wertzuschätzen. Warum?

Lebenskultur umfasst Behördenkultur

Ja, ja … unkte bereits @cogries über die  „Komposita“ des Kulturbegriffs (Esskultur, Subkultur …), so füge ich einfach die Behördenkultur hinzu. Dachte ich vor dem Studienjahr, dass der deutsche Amtsschimmel schon ein Graus sei, so erlebte ich doch tatsächlich eine Steigerung in Paris. Nun, ich muss gestehen, dass ich daran beteiligt war. Um mich offiziell für das Studium anmelden zu können, musste ich zuvor beim Hôtel de Ville meinen Aufenthalt eintragen lassen. Dazu war ein Rendez-vous für das eigentliche Rendez-vous zur Anmeldung nötig – unglaublich. Ganz genau bekomme ich es nicht mehr zusammen. Mein Studienjahr fand bereits 1998/99 statt, also vor einer Ewigkeit.

Das Problem mit den Behörden bestand darin, dass ich mich ins falsche Studienjahr eingeschrieben hatte und das vor Ort ändern musste. Teilweise war das ein Spießrutenlauf: Es ging von Behörde zu Behörde. An der Uni musste ich mich besonders durchbeißen, nicht alle Verwaltungsmenschen waren dort zuvorkommend. Die Erasmus-Verantwortliche konnte mir auch nicht weiterhelfen, ich war ja schließlich eine DAAD-Stipendiatin. Damit war ich auf mich alleine angewiesen. Am Ende schaffte ich es. Die Fakten sprachen für mich, denn in Deutschland hatte ich schließlich schon drei Jahre studiert. Warum aber wollte ich wechseln?

Blick aus meinem 8,1 m² großen Zimmer, Rue Feutrier am Sacre Coeur.

Blick aus meinem 8,1 m² großen Zimmer in Paris mit Dusche und Herd, Rue Feutrier am Sacre Coeur.

Unterschied von Licence zu Maîtrise

Ich ging nach dem sechsten Semester dank eines DAAD-Stipendiums nach Paris. Erzählte ich noch voller Inbrunst dem Auswahlgremium des DAADs, dass ich auf keinen Fall meine Abschlussarbeit an der Sorbonne in Paris schreiben, sondern nur vorbereitende Recherchen zur Magisterarbeit unternehmen wollte, änderte ich vor Ort meine Meinung. Denn nachdem ich erfuhr, was das Licence-Jahr (das 3. Studienjahr), in dem ich eingeschrieben war, tatsächlich bedeutete: rein faktisches Lernen ohne Ende, den Professoren zuhören, genau mitschreiben, Titel der Gemälde, Provenienz, Hängung, Künstlerbiografien, Stilzuschreibungen pauken und vermutlich wenig Zeit für Museen zu haben – das eigentliche Ziel meines Aufenthaltes – entschied ich mich anders.

Als ich dann noch mitbekam, dass man erst im vierten Studienjahr, in der Maîtrise, in die Bibliothèque Nationale, in jene von Doucet und in die Institutsbibliothek gehen darf, war für mich klar, ich wechsle ins vierte Studienjahr, aber subito! Vielleicht ist das heute anders. Wer aus dem deutschen Unisystem kommt, das selbständige Aneignen von Wissen erlernt hatte, in den Seminaren, den Bibliotheken, der ist vollkommen irritiert, wenn er nicht in die gut ausgestatte Bibliothek darf.

Lernkultur einmal anders: die Maîtrise

In Absprache mit meiner Professorin wählte ich als Maîtrise-Thema den „Beau Pilier de la cathédrale d’Amiens“ – ein Skulpturenensemble Ende des 14. Jahrhunderts an der Außenfassade der Kathedrale. Meine Nebenfächer aus Deutschland, Romanistik und Klassische Archäologie, wurden gekappt, denn in Frankreich studiert man nur ein Fach. Ich musste nur wenige Kurse belegen. Die fanden alle zwei Wochen statt. Die erste Zeit verlief in allen Kursen identisch. Den Studenten wurde erklärt, welche Bibliotheken für welche Themen geeignet sind, wie man bibliografiert oder eine Arbeit strukturiert. Ich war baff, denn das war bei uns Erstsemesterstoff.

Beau Pilier; Cathédrale d'Amiens; Amiens

Tanja in Action vor dem „Beau Pilier“ der Kathedrale von Amiens, Januar 1999.

Übrigens erkannte man die Deutschen sehr gut im Kurs. Die Franzosen saßen artig und adrett mit gesenkten Köpfen an ihren Tischen, die Stifte flogen über das Papier; sie schrieben alles nieder, was ihnen „diktiert“ wurde, auch Scherze und Anekdoten, könnte ja mal wichtig sein *räusper* – andere Lernkultur eben. Und die Deutschen? Die erkannte man sofort daran, dass sie locker und entspannt zurückgelehnt dasaßen und zuhörten, vielleicht notierten sie mal etwas.

Kunstgeschichte fordert Austausch – eigentlich

Ja, das dachte ich. Wer Kunstgeschichte studiert, der muss natürlich offen für andere sein, sich austauschen, vor allem mit den Franzosen und vice versa, so meine Überlegung. Nun. Nett waren sie. Immerhin beantworteten sie meine Fragen, selber stellten sie aber keine. Ich gab es irgendwann auf, den Austausch mit ihnen zu forcieren. Nur einmal fragte ich noch eine Kommilitonin, ob sie mir ihr Heft kurz ausleihen könne, da ich eine Stunde verpasst hatte und ihre Unterlagen kopieren wolle – et voilà, ich fand eine Freundin, eine Freundin, die allerdings schon einmal ein halbes Jahr in Heidelberg studiert hatte und damit per se offen für den Austausch war.

Lernkultur: historisch versus interpretatorisch

Das ist der große Unterschied zwischen dem französischen und dem deutschen Lernzugang im Fach Kunstgeschichte, damals jedenfalls. Während die Deutschen vielleicht manchmal allzu schnell zur Interpretation übergehen, klären die Franzosen zu allererst die Archivalien und die Historie genauestens ab, dann stoppen sie, wohlgemerkt in der Maîtrise. Ich profitierte von der französischen Methodik, der historischen Herangehensweise, sehr. Für mich ist sie die Basis, das Handwerkszeug, das abgeklärt werden muss, bevor es weitergeht. Dieses Weitergehen ist mir sehr wichtig. Methodenstreits liegen mir fern. Das Problem gehört gelöst bzw. ein Phänomen erklärt und ein Methodenmix hilft dabei, so meine Erfahrung.

Orientierung Auslandssemester

Mich mit einer anderen Lernkultur auseinanderzusetzen, bereicherte meine weitere wissenschaftliche Herangehensweise. Ja, das Studienjahr in Paris war essentiell für mich und tatsächlich die schönste Zeit während des Studiums. Ich kann jedem nur empfehlen, ein Auslandssemester, besser noch ein Auslandsstudienjahr einzuplanen: Es weitet den Blick und inspiriert. Vor Ort sollte man sich weiter orientieren, schauen, welche Forschungseinrichtungen es noch gibt, hinein schnuppern, von der anderen Methodik lernen. Ich genoss die Kurse, die ich an der E.H.E.S.S. belegt hatte. Das Niveau war ein anderes als an der regulären Universität, denn es war eine Forschungsinstitution – ich fühlte mich fast wieder in Deutschland zurückversetzt, nur dass das Niveau an der E.H.E.S.S. höher war – klarer Tipp!

Maîtrise geschafft

Wer ins Ausland geht, der sollte sich vorher überlegen, was er damit machen möchte, was seine Ziele sind. Ich beendete aus Versehen mein Kunstgeschichtsstudium dort. Das war nicht eingeplant. Da ich aber sowieso promovieren wollte, dachte ich mir, okay, versuche ich es einfach, wenn es klappt, kann ich in Deutschland direkt ins Doktorat übergehen, wenn nicht, schreibe ich eben die Magisterarbeit. Und es hat geklappt. Das lag aber daran, dass ich doch klasse französische Freunde jenseits der Uni gefunden hatte, die mein radebrechendes Französisch korrigierten, ihre wunderbare Sprache verteidigen mussten. Ich schrieb die Arbeit auf Französisch. Dabei lernte ich meine Muttersprache zu schätzen. In der heißen Phase traf ich mich oft mit einem Freund um 7:00 im Café, bevor er ins Büro ging. Wir klärten schnell ein paar Korrekturen ab.

Einiges ist vielleicht zur Lebenskultur angeklungen, jetzt müsste ich einen neuen Post schreiben: Das Paris-Jahr war das Beste, was mir wiederfuhr! Ich genoss es, oft die Museen zu ganz unterschiedlichen Zeiten aufzusuchen. Der Blick von Sacre Coeur – dort wohnte ich – über Paris war gigantisch. Ich liebte es, im Verein und an der Uni Handball zu spielen, auch wenn es einiges von mir abverlangte: Spiel mal Handball, höre und verständige dich während des Spiels auf Französisch – krass intensive Erfahrung!

Das war meine ganz persönliche #KultDef – Kultur ist so vieles, nicht nur Hochkultur!


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9 Kommentare

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  3. Liebe Tanja,
    was für ein schöner und interessanter Beitrag zu deiner eigenen Blogparade #kultdef. Ich beneide dich um dein Studienjahr in Paris. Für mich war das leider undenkbar! Ich hab mein Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften mit einem Grundschulkind und einem neuen Baby begonnen. Ein Auslandsjahr wäre für mich nicht zu organisieren gewesen. Aber der Traum der Ferne blieb! Ich hab lange studiert und als der Kleine größer wurde, konnte ich mit Studienreisen beginnen! Zunächst eine Reise im Frühjahr, eine Reise im Herbst. Inzwischen sind die Kinder erwachsen und das Reisen ist mein Beruf geworden. Man muss gut überlegen, was man träumt! Meist werden Träume wahr … :-) so war es bei mir!
    Ich hab auch einen Beitrag für deine Blogparade geschrieben im Zug nach Berlin. Es fehlen noch die Bilder. Vermutlich kann ich erst morgen posten!
    Herzliche Grüße
    Andrea

    • Tanja Praske

      Liebe Andrea,

      du erfüllst dir ja jetzt deinen Traum vom Reisen. Für mich ist das mit den zwei Kids nicht möglich. Ja, ich war durch den Auslandsaufenthalt extrem schnell mit dem Studium fertig. Das erste Kind kam dann im Doktorat und dafür brauchte ich dann länger.

      Herzlich,
      Tanja

  4. Cooler Artikel! Liest sich locker und beinhaltet wertvolle Infos für mich als Student!
    Möchte im Master raus aus München, mal schauen, was kommt!

    • Tanja Praske

      Liebe Katharina,

      vor dem Master raus, wäre prima. Wird tatsächlich deinen Blick weiten, aber du bist ja schon per se offen für sehr viel und kannst dich schnell auf neue Bedingungen einstellen. Hast du denn schon während des Studiums das Institut gewechselt – auch das tut gut.

      herzlich,
      Tanja

  5. Hallo Tnaja,
    lieben Dank für die Erwähnung und toll, dass du auch aktiv an deiner eigenen Blogparade teilnimmst! Der Blick aus deinem Zimmer war ja berauschend :-) Ich kann auch nur bestätigen, dass man oft nur durch Zufälle näher an die Einheimischen herankommt und dass Sport (bei mir Volleyball) auf einer Fremdsprache die ultimative Herausforderung ist.
    Viele Grüsse und danke für den Einblick!
    Marlene

    • Tanja Praske

      Liebe Marlene,

      ja, ja .. Sport und eine Fremdsprache ist schon heftig, manches Mal bekam ich weder das eine noch das andere während des Spiels hin, was dann für den ein oder anderen Lacher sorgte!

      In der Tat hätte ich es fast gar nicht mehr geschafft zu meiner eigenen Blogparade etwas zu schreiben. Dank dir fluppte es dann. Mittlerweile gibt es so einige Beiträge in und aus der Fremde, die Kultur betrachten.

      Herzlich,
      Tanja

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