Mein Kulturtipp: das Töpfereimuseum in Raeren

Er darf nicht nur, sondern ich habe ihn – Benjamin Heinz aka @HeinzBenjamin – gezielt angesprochen, ob er einen Gastbeitrag zu meiner Blogparade #KultTipp schreiben möchte. Jetzt bin ich happy, dass er meiner Bitte gefolgt ist, aber lest selbst!

Als Gast auf Tanjas Blog darf ich heute meine Kulturempfehlung aussprechen: das Töpfereimuseum in Raeren!

#KultTipp; Raeren; Benjamin Heinz; Museum; Töpfereimuseum

Sonntag auf der Burg Raeren / Foto: Benjamin Heinz


Mein Kulturtipp

Mein Kulturtipp ist ein Exot, inhaltlich und örtlich: Es handelt sich um das Töpfereimuseum in Raeren. Der kleine belgische Ort Raeren liegt nahe der deutschen Grenze. Er ist 10 km vom Aachener Stadtzentrum entfernt und gehört zur deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Das Museum befindet sich in der “Burg Raeren” aus dem 14. Jahrhundert und präsentiert einen Überblick über die Geschichte des Raerener Steinzeugs.

Wie bitte?! Ein Töpfereimuseum als Tipp…

Gastbeitrag "Töpfereimuseum Raeren", Benjamin HeinzIhr erster Gedanke, Töpferei ist doch lahm! Und ein Museum mit einer Keramikausstellung? Langweilig! Das ging mir ganz ähnlich. Bis ich in Raeren im Töpfereimuseum war. Ich habe dort viel Spannendes über die einsetzende Globalisierung und die Wirtschaft in der Frühen Neuzeit erfahren können. Zudem ranken sich viele kleine Geschichten rund um die Raerener Töpfe.

In Raeren hatte sich im 16. und 17. Jahrhundert eine Industrie entwickelt, die Keramikwaren in hoher Qualität und Masse herstellte. Töpfe, Becher, Schüsseln, große und kleine Krüge, Kannen und Flaschen aus Steinzeug wurden für jeden Zweck gefertigt.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebten hier etwa 300 Töpferfamilien, die mindestens 50 große Töpferöfen betrieben. Ihre Brandöfen waren riesig, sodass in einem Ofen zwischen 1000 und 2000 Stück Keramik gleichzeitig gebrannt werden konnte. Die Jahresproduktion betrug 1800 Tonnen Steinzeug.

Raerener Steingut als Exportschlager

Verkauft wurde von Raeren in die weite Welt. Im 16. Jahrhundert wurden bis zu 50 Fuhrunternehmen beschäftigt. Die Töpfereien wurden nach Köln, Aachen, Lüttich und Maastricht transportiert. Aber auch noch weitere Wege waren alltäglich, nach Bremen, nach ‎Warschau oder auch nach England exportierten die Raerener Töpfer. Riesige Schiffe brachten die Steinzeuggefäße bis nach Indonesien, Vietnam, Japan und Australien. Bei archäologischen Ausgrabungen wurde das Raerener Steinzeug sogar in Nordamerika und Afrika gefunden.

Ölgemälde von André Blank, das die wichtigsten Exportgebiete von Raerener Steingut zeigt.

Ölgemälde von André Blank, das die wichtigsten Exportgebiete von Raerener Steingut zeigt.

Raerener Hi-Tech

Die Raerener Brandöfen waren bis zu 3 Meter hoch und etwa 10 Meter lang. Sie hatten Rauchabzüge an der Oberseite und andere Öffnungen, durch die die Raerener Töpfermeister Unmengen von Salz kippten. Durch diesen Vorgang erhielt die Keramik eine harte und wasserabweisende Oberfläche, die man Glasur nennt. Dafür musste die Temperatur des Ofens über 1100 Grad Celsius haben. Der Salzverbrauch war beeindruckend, die Archäologen schätzen, dass die Töpfer bis zu 120 Tonnen Salz im Jahr verbrauchten.

Modell des Brandofens

Modell des Brandofens

Inszenierung einer typischen archäologischen Situation in Raeren in Form eines Scherbenturms.

Inszenierung einer typischen archäologischen Situation in Raeren in Form eines Scherbenturms.

Mein Lieblingsobjekt

In den Nachkriegsjahren tauchten bei Neubauten in Raeren immer wieder eine große Anzahl von Scherben auf. Die Scherbenlagen waren oft mehrere Metern dick. Der Grund dafür liegt in der Geschichte. Die Raerener Töpfermeister waren Meister ihres Fachs und duldeten nur beste Qualität. Nach einem abgeschlossen Brand wurde die fertige Keramik begutachtet und nur die erstklassige Ware gelangte in den Export. Zweitklassige oder fehlerhafte Ware (das waren bis zu 30% der Produktion) wurde von den Lehrjungen haufenweise zerschlagen. Diese Fehlexemplare geben den Archäologen heute Auskunft über die Geschichte des Raerener Steinzeugs.

Neben der Geschichte des Steinguts können Sie im Töpfereimuseum Raeren spannende Geschichten entdecken. Die Raerener Töpfer waren damals Marktführer, da es ihnen gelang, die bislang kugeligen Krüge zu gliedern. Der zylindrische Mittelteil ermöglichte es, Bildfriese anzubringen. Diese erzählten mit Bild und Text ganze Geschichten. Heute würde man sagen, sie zeigten Comics. Die profanen und religiösen Motive erfreuten die Käufer und trugen wesentlich zur Attraktivitätssteigerung des Raerener Steinguts bei. Das beliebteste Motiv war der sogenannte Bauerntanz.

Gastbeitrag "Töpfereimuseum Raeren", Benjamin Heinz

Mein Fazit

Mich hat das Töpfereimuseum in Raeren fasziniert und beeindruckt. Die Geschichten der Raerener Töpferleute lassen mich als Besucher staunend zurück. Mein Kulturtipp für einen Ausflug in die Frühe Neuzeit!

Website: Töpfereimuseum Raeren
Öffnungszeiten Di – So: 10:00 – 17:00

Zusatzinformation: Das Institut für digitales Lernen wird nächstes Jahr in Zusammenarbeit mit dem Töpfereimuseum und einer örtlichen Schulklasse eine multimediale Museumsapp produzieren. Zudem entsteht in diesem Zusammenhang eine wissenschaftliche Arbeit.

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