Nizza – was muss man gesehen haben? Geschichte, Kultur & Technik

Nizza – was muss man jenseits der touristischen Sehenswürdigkeiten gesehen haben? Das erzählt uns Natja Igney in ihrem Gastbeitrag – eine Zeitreise durch die Stadtgeschichte. Sie zeigt, wie die Niçoiser ticken, was sie ausmacht, wie sich die Künstler-, Museums- sowie Theaterlandschaft entwickelte mit App, 3-D und digitalem Buch – reichhaltiger Lesestoff!

Nizzas kultureller Spagat zwischen Tradition und Innovation

Die Hauptstadt der Côte d’Azur erfindet sich ständig neu. Mit Technologie und Digitalisierung ist man hier bestens vertraut, und das schon seit 400.000 Jahren.

„Nizza… das ist doch irgendwo da unten an der Riviera, hinter Bordighera und vor St. Tropez? Wo neulich das Attentat war, und dieser politisierte Burkinistreit? Was gibt’s da eigentlich außer Oliven? Und überhaupt der Kieselstrand…. Nee, lassen wir das mal eher aus, lieber einen Tag in Monaco oder in Cannes einschieben, Promis gucken und shoppen, bis der Arzt kommt, oder die Bank den Kontozugriff sperrt ….“

Eine große Seifenblase liegt auf dem nassen Bodern. Auf ihr spiegelt sich die Silhouette Nizzas. Arbeit vom syrischen Künstler Khaled Youssef.

Gibt es ein schöneres Bild von Nizza als die Bubble-Fotografie von Khaled Youssef, Gründer der virtuellen Galerie „Creative Havens“, Foto mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von © Khaled Youssef – Nizza.

Das sind Kommentare, die ich als überzeugte Wahl-Niçoise eigentlich ganz gerne höre. Denn so verliebt ich in meine wunderschöne Stadt bin, und so gerne ich ihren Charme mit der Welt teile, so sehr bin ich gegen informationsresistenten Massentourismus. Und wenn die Neckermänner dieser Welt erst mal draufkommen, was für ein vielfältiges, buntes Leben hier herrscht, dann kommen bald alle Pauschaltouristen von Erkenschwick bis Erlangen und Erfurt angeschlappt. Non merci!

Ups, ich merke schon, wie sehr meine vier Jahre hier auf mich abgefärbt haben…. Wir sind ein stolzes Völkchen hier, und in Sachen Kultursnobismus stehen wir nur Paris nach. Und beides mit gutem Grunde.

Sie aber, liebe Leserin, lieber Leser, sind sicher ein entdeckungsfroher Mensch, und Sie lade ich deswegen sehr gerne ein auf einen virtuellen Ausflug durch unsere Geschichte und Kultur, auf dem wir Höhlenmenschen und Futuristen begegnen werden. Bringen Sie ruhig ein bisschen Muße mit, denn es wird eine lange Reise.

Diese beginnt hier vor sehr, sehr langer Zeit und erstreckt sich bis zum heutigen Nizza, das sich mittlerweile voll und ganz dem Digitalzeitalter verschrieben hat. Machen Sie es sich also mit einem Pastis gemütlich. Sie haben keinen zur Hand? Macht nichts, ein Prosecco ist auch gut, wir sind ja hier eh eher italienisch als französisch angehaucht.

Eine kleine Zeitreise

Fangen wir also am besten vorne an, mit einer kleinen Auffrischung in Sachen Heimatkunde und der Stadtgründung so vor gut zweieinhalb Jahrtausenden. Nein, Moment – das kommt später…. Wir müssen ja eigentlich ganze 400.000 Jahre zurückblicken. Denn damals schon zog dieses sonnengeküsste, gesegnete Fleckchen Erde zwischen Mittelmeer und Alpen die ersten homo erectus Siedler an. Einer davon hat sich seinerzeit hier mittels Tritt im sandigen Boden verewigt. Dank des trockenen Klimas fossilierte der auch prompt und ist noch heute inmitten des eigens um ihn herumgebauten Terra Amata Museums zu bestaunen. Der erste digitale Fußabdruck, sozusagen!

Diesen ersten Bewohnern folgten vor ca. 150.000 Jahren die Neandertaler, die ebenfalls der neuzeitlichen archäologischen Fangemeinde ihre Grüße hinterließen. 2016 markiert übrigens den 50. Jahrestag des Beginns der Ausgrabungen, und man ist immer noch aktiv zugange….

Römer Ante Portas!

Jetzt aber wirklich der gewaltige Sprung in die jüngere Vergangenheit. Vor ca. 2.600 Jahren befanden die Griechen diese Ecke hier für würdig, zu Ehren ihrer Siegesgöttin Nike eine Siedlung errichteten. Aus Nikaïa wurde umgangssprachlich dann Nice. An die hellenischen Fersen hefteten sich die der Römer, was so um Christi Geburt herum die Gründung von Cemenelum zur Folge hatte. Und dies ist heute Cimiez – damals zwar JWD, aber heute durchaus zur Stadtmitte gehörig. Ein fast vollständig intaktes Forum samt Bädern ist der noch heute sichtbare Beweis der römischen Präsenz, die auch in der hervorragenden Dauerausstellung im Musée d’Archéologie gleich nebenan dokumentiert ist. Im Tandem mit dem oben erwähnten Musée Terra Amata zeigt sich nun der Bogenschlag von der Urgeschichte bis zu der Ära, die Nizza ein für alle Mal als ernstzunehmendes Fischerdorf positionierte.

Ruinen der römischen Badanlage in Cimiez bei Sonnenschein, Nizza Sehenswürdigkeit.

Nizza – Römische Anlage in Cimiez*.

Danach ging es ziemlich Schlag auf Schlag: Nizza wuchs und gedieh in Riesenschritten. Seine strategisch günstige geographische Lage machte es aber auch zu einem Objekt der heißen Begierde verschiedener Völker und Stämme. Und so kam es, dass es im Laufe der letzten 2.000 Jahre seine Nationalität öfter wechselte als so manch ein Zeitgenosse heute sein Email-Passwort.

Meist hatten hier aber die Italiener das Sagen. Unter ihrem Einfluss wurde Nice im 16. Jahrhundert nicht nur zu Nizza, sondern auch zu einer blühenden Handelsstadt. Der heutige mittelalterliche Stadtkern, komplett erhalten, liebevoll restauriert, und immer noch bewohnt, erzählt so manche Geschichte von seiner Vergangenheit. In diesem engen Gässchen war die Bäckerei und gleich daneben der Schlachter…. hier wurden die Schuhe besohlt, und da drüben die Pferdehufe. Gleich um die Ecke ist noch der Brunnen, an denen die Frauen sich zum gemeinsamen Wäschewaschen trafen. Auch so manch ein uraltes Gasthaus ist noch da. Und an jeder Ecke gibt es eine Kirche – oder auch eine Synagoge oder Moschee, denn sofern man von Beruf nicht gerade Politiker war, war man ja schon immer tolerant hier, am Schnittpunkt von Nord und Süd, Ost und West, von alteingesessenen Kulturen und Neuankömmlingen mit mediterranem Migrationshintergrund.

Blick auf den Kirchturm durch eine Gässchen in der Altstadt von Nizza bei strahlendem Sonnenschein.

Gässchen in der Altstadt von Nizza **

Trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen – bewahrte Nizza aber seine eigene Identität, die sich bis zum heutigen Tag in eingewurzelten Traditionen, einer eigenständigen lokalen Sprache und einem bewundernswerten Sinn für Individualität und Unabhängigkeit ausdrückt. Was dem Bayern sein Motto „mia san mia“, ist des Nizzaers trotziger Schlachtruf „Issa Nissa“, oder „M’en bati, sieu nissart!“. Beide senden eine starke Botschaft in Richtung Kapitale: mit euch haben wir hier nichts zu tun!

… und jetzt fallen die Russen und Engländer ein!

Das relativ beschauliche und fröhliche Leben unter italienischer Flagge und die Kunde vom milden Klima am blauen Mittelmeer spricht sich nördlich der Alpen herum. Und so tut es nicht Wunder, dass das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert die ersten Touristen mit sich bringt – hauptsächlich sonnenhungrige Russen und Engländer machen sich auf den beschwerlichen Weg gen Süden. Sie sorgen dafür, dass flugs ein eifrig frequentierter Pfad entlang dem kieseligen Strand entsteht, den die Einheimischen ihren angelsächsischen Gästen zu Ehren bald „Promenade des Anglais“ taufen. Und weil das werte Publikum von gehobenem kulturellen Niveau ist, entsteht hier schon 1776 das erste Theater, das sich schnell zum Théâtre Royal mausert, und wo sich alle Superstars der Epoche ein Stelldichein geben.

Die kleine Gemeinde, die bislang genug Platz innerhalb der natürlichen Begrenzungen durch Meer, Hafen, Schlossberg und dem Paillon Fluss gefunden hatte, platzt langsam aus allen Nähten. Notgedrungen weicht man auf das gegenüberliegende Flussufer aus. Die Neustadt ist geboren….

Einem sticht das aufstrebende Städtchen ganz besonders ins Auge: Napoleon, der 1796 Nizza als Marschquartier und Kommandozentrale für seine erste italienische Kampagne zweckentfremdet. Das Musée Masséna gibt hierüber in einer aktuellen Gastausstellung informative Auskunft und zeigt so nebenbei allerlei Gegenstände aus dem Besitz des kleinen korsischen Feldherrn, die bislang dem Auge der Öffentlichkeit vorenthalten wurden.

Blick bei Sonnenschein auf die Fassade des Musée Masséna in Nizza.

Musée Masséna, Nizza *

Vive la France. Oder so.

Im italienisch-französischen Pingpong wird dann aus Nizza wieder mal Nice, als Frankreich 1860 die Stadt und die angrenzende Provence den Italienern abspenstig macht und kurzerhand in die Republik eingliedert. Dies erfolgt zwar offiziell aufgrund eines Referendums, aber durchaus zur allgemeinen Unzufriedenheit der lokalen Bevölkerung, die mit dem fernen Paris nun wirklich nichts verbindet. Doch wie es eben so ist, man hat sich nun einmal mit dieser politisch und wirtschaftlich motivierten Entscheidung der Großkopferten abzufinden ….

Aber das Leben geht weiter, denn die Stadt ist, wie man in Englisch so treffend sagen würde, „on a roll“. Dank der weltbürgerlichen ausländischen Besucher kommt die Kultur langsam, aber sicher in Fahrt. Die Impressionisten entdecken das wundersame goldene Licht der Stadt und siedeln sich hier reihenweise an, um selbiges auf Leinwand einzufangen. Ihnen folgen Schriftsteller und Philosophen aus ganz Europa. Und natürlich die englischen Royals, die russischen Zaren, und wen die europäischen Monarchien sonst noch so entbehren können.

Blick von oben auf die Marktstände im Cours Saleya der Alstadts von Nizza. Eine bunte Fassadenpracht, bestrahlt von der Sonne.

Cours Saleya, Altstadt von Nizza **

Innerhalb weniger Jahre wird Nizza also endgültig aus seiner bürgerlichen Idylle gerissen und zum Leidwesen seiner Einheimischen zu einer mondänen Schickimickeria der Schönen, Reichen, Adligen und Intellektuellen umfunktioniert. Von den heruntergekommenen Dörfern nebenan namens Monaco und Cannes ist noch lange keine Rede. Grandiose Belle Époque Prachtbauten sprießen überall in der Neustadt und entlang der Prom‘ – wem schösse nicht schlagartig das Bild des Negresco Hotels in den Kopf! Deren strahlend weiße Fassaden und erdbeerfarbenen Zuckertortenhauben haben zwar so gar nichts mit der italienischen Architektur und dem kräftigen Ochsenblutrot oder Sienaocker der Altstadt gemein, aber irgendwie passt es trotzdem zusammen. Vielleicht liegt es am türkisen Meer, am kitschpostkartenblauen Himmel, oder an den grünen Alpenausläufern im Hintergrund, die das Ganze zu einer harmonischen Einheit zusammenfügen.

Blick bei Dämmerung auf die Fassade des beleuchteten Hotel Negresco in der Neustadt von Nizza

Hotel Negresco, Neustadt von Nizza**

Jetzt wird’s bunt. Aber das Volk sind immer noch wir.

Und wie es dann eben so kommt, wenn Multikulti am Werk ist – mit den Jahren kristallisiert sich eine ganz eigene Kunstszene heraus. War sie bis dahin im Wesentlichen durch die Urlauber und deren Geschmack geprägt, ändert sich dies in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert fundamental. Francis Gag (oder Gagliolo, wie er eigentlich heißt) kommt, und mit ihm die Demokratisierung der Kultur für das gemeine Volk. Und sie legt die Grundlage dafür, was das heutige Nizza zum Kulturpowerhouse macht.

Porträt von Francis Gag, der die Kultur und Theaterlandschaft in Nizza prägte wie kein anderer.

Francis Gag bringt Kultur und Theater in Nizza voran.*

Francis Gag ist für Nizza das, was Willi Millowitsch, Heidi Kabel, oder Helmut Fischer für Deutschland sind: Urgestein, das den Menschen aus der Volksseele spricht, und zeigt, dass Kunstschaffen etwas für jedermann ist, und dass Freude daran kein großes Latinum voraussetzt. So nimmt sich denn dieser Humanist, Schriftsteller und Theaterbesessene der kulturellen Neigungen seiner Niçoiser Mitbürger an und gründet ein Volkstheater, das bis zum heutigen Tage existiert. Sein Geschick ist mittlerweile in dritter Generation in den Händen von Jean-Luc Gag, einem engagierten Stadtrat und Kulturbeauftragten, der den gleichen maßgeblichen – und vor allem extrem positiven – Einfluss auf das kulturelle Geschehen seiner Heimatstadt ausübt wie sein tatenfroher Großpapa.

Dank Francis Gag gelingt es dem Influx internationaler Zelebritäten also nicht, den Nizzaern den Komplex einzujagen, sie wären ja bloß ein Häuflein Provinzler, gerade eben mal gut genug, den großen Herrschaften im Gastgewerbe zu dienen. Er verschafft der Stadt erstmals ihre eigene kulturelle Identität und einhergehend damit das Selbstbewusstsein, dass man Kunst nicht aus Paris importieren muss…. stattdessen besinne man sich lieber seiner eigenen Historie und Tradition, richte aber zugleich die Augen auch stets darauf, wie und wo Kulturen sich begegnen, und wie man Neues integrieren kann.

Kulturrevolution à la Niçoise

Wir sind in der Nachkriegszeit angelangt. Nebenan streben so langsam die Nachbarn auf. Die neuen und schillernden Filmfestspiele in Cannes ziehen Hollywood-Royalty an, welche wiederum Heerscharen von Fans mobilisieren. Im Miniaturfürstentum von Monaco gibt’s sogar eine echte – oder zumindest eingeheiratete – Prinzessin zu besichtigen. Das touristische Interesse wird umgeleitet, und das kommt Nizza gerade recht.

Denn Francis Gag’s Bemühungen haben sich im kollektiven Bewusstsein verankert, und sind wesentlich dafür verantwortlich, dass Nizza im Laufe des 20. Jahrhundert eine recht rasante Entwicklung seiner Kulturszene Marke Eigenbau erlebt. Bereits 1919 hatten ja die legendären Studios de la Victorine eröffnet, die so manch einen historischen Kinostreifen entstehen sahen und in dessen Nachfolger, den Studios Riviera, bis heute aktiv gedreht wird. Nach dem zweiten Weltkrieg wird in den 50er Jahren die École de Nice gegründet, deren Stil mittlerweile weltberühmt ist dank der talentierten Maler und Bildhauer, die aus ihr hervorgegangen sind. Deren Werke wollen beherbergt werden, zusammen mit denen anderer internationaler Künstler, und so entstehen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine Reihe von Museen und Galerien. Einige davon wie zum Beispiel das Chagall-Museum, das Matisse Museum, oder auch das Musée de l‘Art Moderne et de l’Art Contemporain (MAMAC) sind den einschlägigen internationalen Kunstführern einen Sternenregen wert.

Wegweiser zu den Museen in Nizza, Musée Marc Chagall, Musée Matisse

Wegweiser zu den Museen in Nizza, Musée Marc Chagall, Musée Matisse

Dabei darf man aber an dieser Stelle vielleicht einmal mit liebevoll-kritischem Tonfall anmerken, dass sich eine künstlerische Disziplin hier bislang noch nicht ruhmvoll hervorgetan hat, und zwar die moderne Architektur. Denn die zaghaften Versuche, selbige ins mittelalterlich-bourgeoise Stadtbild einzugliedern, sind kläglichst gescheitert, wie das soeben zitierte MAMAC und das ihm gegenüber liegende Nationaltheater beweisen. Auf die Gefahr hin, sich hier als Kulturbanause zu outen, ist doch der Kommentar kaum unterdrückbar, dass des Kaisers neue Kleider so gar nicht sitzen wollen. Im Volksmund Salz- und Pfefferstreuer genannt, stammen die Bauvorlagen der beiden weißem Marmorkästen direkt aus der Legokiste und passen zur sonst so harmonischen italienisch-barocken farbenfrohen Architektur und den Belle Époque Palästen direkt daneben etwa so gut wie Erdbeermarmelade auf Leberwurst. Die Begeisterung für Neues kann also auch mal gründlich daneben gehen…. Aber es sind ja bekanntlich die inneren Werte, die zählen, und die sind durchaus vorhanden….

Blick von oben auf die Stadt mit dem Théâtre National de Nice auf der linken Seite und dem MAMAC auf der rechten Seiten, Nizzas Architektur..

Blick auf Théâtre National de Nice (li.) und MAMAC (re.) – Nizza *

Max macht Oper. Marc auch.

Weil wir gerade von Theater sprechen: was die darstellende Kunst angeht, so darf man getrost von einer Explosion sprechen, und zwar nicht nur, was die Menge angeht – über 40 ernstzunehmende Bühnen gibt es hier! – sondern auch die Qualität. Das erste Theater Nizzas, das seinerzeit als Théâtre Royal die Nobilität unterhielt und Ende des 19. Jahrhunderts abbrannte, ist seit langem neu errichtet und dient seitdem als Oper, deren exzellenter Ruf alles anlockt, was in der Opernwelt Rang und Namen hat.

Blick auf die Fassade der Opéra de Nice, Nizza.

Opéra de Nice **

Von 2012 bis 2015 unter der Intendanz und künstlerischen Ägide von Marc Adam – dessen kontemporäre Kreationen dem Publikum im gesamten deutschsprachigen Raum bestens bekannt sind – erlebt Nizza eine wahre Reformation. Er verwandelt den leicht angestaubten Musentempel in ein modernes lyrisches Theater von internationalem Niveau. Aïda, Bohème, und Carmen sind auf Eis gelegt, dafür gibt’s jetzt Peter Grimes & Co. Seine Interpretationen stellen das bislang eher konservative Publikum anfänglich schon vor eine Herausforderung – aber er gewinnt seinen Challenge und die Herzen der Opernfreunde. Ebenfalls häufig zu Gast: die französische Choreographin und Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton, die seit Jahren in Deutschland lebt und arbeitet und einen hervorragenden internationalen Ruf genießt. Was sie anpackt, macht sie gut, so zum Beispiel ihre frisch-frech-freigeistige Runderneuerung von La Traviata. Diese hätte den guten alten Herrn Verdi ebenso begeistert wie das Nizzaer Publikum, welches den gewagten Sprung ins 21. Jahrhundert stehenden Applauses bejubelt.

Theatermetropolen der Welt: Paris, London, New York…. und Nizza

Die Imagerenovierung vom Society-Badeort zur pulsierenden Kulturmetropole ist mit Volldampf unterwegs. Dies zeichnete sich schon ab, als in den 80er Jahren die kleine städtische Bühne des Théâtre de Nice in den Adelsrang eines Nationaltheaters erhoben wird. Führende französische Direktoren bringen Glanz und Flair in die bescheidene Hütte. Jacques Weber…. Daniel Benoin… mit diesen Namen sind hier schon Vorschulkinder vertraut. Beide bestellen regelmäßig die besten Stücke aus Paris ein. Aber nachdem 2014 die neue Hausherrin Irina Brook das Zepter übernimmt, zieht mit ihr auch noch ein Hauch West End und Broadway in die Stadt. In ihrer unvergleichlich lieblichen Art macht die Tochter des großen Peter Brook gleich eine lautstarke Ansage: Jetzt gibt’s hier Shakespeare Festivals und politisch engagiertes Theater! Klimawandel, Umweltschutz, und natürlich auch die aktuelle Flüchtlingsproblematik sind ihre sozialen Anliegen, die sie theatralisch umsetzt.

Und weil sie nun mal Britin ist, wird im Théâtre National de Nice – von Amts wegen eigentlich eine Hochinstanz zur Pflege der französischen Sprache – jetzt auch plötzlich Englisch gesprochen und gespielt. Ausgerechnet mit Peer Gynt, Ibsen’s schwer verdaulicher nordischer Fabel vom Tunichtgut, der es dann doch zu was bringt, aber herausfindet, dass Ruhm nicht alles im Leben ist, eröffnet Irina Brook ihre Amtszeit. In ihrem Schlepptau ein talentiertes Sammelsurium an Schauspielern aus Island, Ruanda, Libanon, Australien, Indien, Japan und anderen exotischen Gefilden. Bad Boy Rocker Iggy Pop hat eigens zwei Songs für diese Interpretation geschrieben und Literaturnobelpreisträger Sam Shepard steuert zwölf Gedichte bei …..


offizieller Clip Peer Gynt des TNN, youtube

Und das verblüffte, aber keineswegs anglophone, Publikum belagert das Theater wochenlang bis auf den letzten Notsitz… Und weil gerade revolutioniert wird, wird auch gleich noch das hauseigene Restaurant zur Monsanto-freien Öko-Bio-Müsli Zone erklärt. Die Zeiten haben sich endgültig geändert. Wo früher dem werten Besucher feinster klassischer Molière und leckerer Räucherlachs kredenzt wurden, kreuzt jetzt schon mal eine Truppe aus dem fernen Mumbai auf, welche Shakespeare’s Was ihr wollt auf Hindi und in schönster Bollywood Tradition präsentiert, und danach gibt’s Veganburger. Das ist Nizza, wie es wirklich ist – der Schmelztiegel von Kulturen, und von Kultur, der stetig in Richtung Zukunft katapultiert wird, wenn auch manchmal mittels sanftem Zwang.

Bühne frei für die kulturelle Digitaltechnologie, oder „aus 2 mach 3D“

Aber vergessen wir nicht, dass wir trotz alledem immer noch in Frankreich sind. Und das heißt, die Politik hinkt der rasanten Entwicklung der Kultur mächtig hinterher, hat aber dennoch etliches mitzusprechen. In allem. Doch immer wieder beißt sich die Pariser Zentralverwaltung die Zähne an Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi aus. Selbiger ist nämlich eine männliche Jeanne d’Arc seiner Stadt und deren Kultur. Er – dem ein nicht eben kleines Interesse am Amt des französischen Kulturministers nachgesagt wird – hat es sich auf die Fahne geschrieben, aus Nizza und der Region ein kulturelles ebenso wie ein wirtschaftliches Juwel zu machen, und so ganz nebenbei noch die erste „Smart Region“ ganz Frankreichs.

Und dazu kommt ihm der Techpark Sophia Antipolis, 20 km vor den Stadttoren gelegen, gerade recht. Dort macht man Technologie vom Feinsten, die Silicon Valley oftmals in den Schatten stellt. Aber weil dies hier ja, wie gesagt, Frankreich ist, jedenfalls theoretisch, geht es hier weniger um das vierhundertdreiundzwanzigste IT-Gadget, sondern oftmals um digitalkulturelle Lösungen. Ganze Heerscharen von Ingenieuren und Entwicklern sind damit beauftragt, ihr Können in den Dienst der städtischen Kultur zu stellen… Ach was heißt hier „städtisch“ – die ganze Welt interessiert sich dafür. Da kommt schon mal der Boss einer chinesischen Techfirma vorbei, mit nicht weniger als 6.400 seiner engsten Mitarbeiter im Schlepptau, um sich nach dem neuesten Stand der Dinge zu erkundigen, und auch die USA kupfern gerne die cleveren sophiaantipolitanischen Lösungen ab.

Screenshot von der App "Monument Tracker", die durch die Stadt Nizza führt.

Die App „Monument Tracker“ führt kurzweilig durch Nizza mit spannenden Geschichten.

So gibt es z.B. neben fast schon alten Hüten wie interaktiv kommentierten Smartphone-Museumstouren auch die Applikation Monument Tracker. Dank derer können Sie getrost Ihren Baedeker, oder aber auch Ihren besserwisserischen Freund, zu Hause lassen, denn sie passt auf Ihrem entspannten Spaziergang durch eine fremde Stadt auf besondere Sehenswürdigkeiten oder interessante Anekdötchen auf und souffliert Ihnen diese in Echtzeit… und zwar aktualisiert bis zum heutigen Datum. Oder vielleicht wollen Sie als kulturbeflissene Person gerne ins Theater, aber Ihr Schulfranzösisch (oder –chinesisch, oder….) ist eingerostet? Kein Thema mit den „augmented reality glasses“, welche Theaterstücke simultan zum Geschehen auf der Bühne in verschiedene Sprachen übersetzen. Weitaus besser als die mühseligen Übertitel in der Oper!

Ach und nicht zu vergessen – das erste digitale Buch zum Anfassen, „Entre Mer et Montagne ist ebenfalls ein Sprössling von „La French Tech, Made in Nice“ im Auftrag der Stadt Nizza: ein zweisprachiges 240-Seiten-Opus mit über 500 Fotos über die Region. Deren herunterladbare App versorgt Sie beim Schmökern mit zusätzlichen Informationen und Sinneseindrücken per Smartphone und liefert Ihnen auf einen simplen Swipe hin auch visuelle und akustische Erlebnisse. Sie sehen sich gerade das Foto von hoch oben auf dem Berg an? Ihre digitale Nabelschnur zappt Sie aus Ihrem bequemen Ohrensessel hoch hinauf zum 360° Panoramarundblick, Kuhglockenläuten mit inbegriffen. Oder Sie lesen vielleicht den Beitrag über eine Kirche und deren weltberühmter Orgel aus dem 17. Jahrhundert…. einmal kurz gewischt, und schon genießen Sie ein Bachkonzert auf selbiger!

Die voranschreitende Digitalisierung konventioneller kultureller Medien

Lokalmatadoren der digitalen Kultur

Unsere lokalen Künstler haben die Technologie sowieso schon längst für sich gepachtet, allen voran Patrick Moya, einer der führenden und definitiv produktivsten Vertreter seiner Zunft. Es gibt kaum etwas, was er nicht digitalisiert… seine Gemälde, seine Skulpturen, seine Cartoons. Und sollten Sie gerade nicht in Nizza in seinem wunderbar chaotischen Atelier stehen, wo Ihnen die Kreationen aus dem 3D Drucker nur so um die Ohren pfeifen, oder Sie plötzlich zur Zentralfigur in einem seiner Hologramme mutieren, so können Sie sein Werk trotzdem auf Second Life bestaunen. Folgen Sie ihm doch durch seine virtuelle 260.000 m2, 3D Galerie, die schon 2007 ihre Pforten eröffnet hat. Hier geht’s lang zum virtuellen Tourismus durch Moya Land:

Und gerade neuerdings macht Creative Havens lautstark von sich reden. Diese virtuelle Galerie zwischen Nizza und der Datencloud stellt die Arbeiten von fast 700 syrischen Malern, Bildhauern, Fotografen und Digitalkünstlern im eigenen Lande und in der Diaspora vor. Gegründet hat sie Khaled Youssef, der, wenn er nicht gerade als Chirurg am OP-Tisch werkelt, sich ebenfalls seinen musischen Interessen hingibt. Sicher haben auch Sie schon einmal seine Bubble-Fotografie gesehen?

Zwei Arbeiten von Khaled Youssef aus seiner Bubble-Fotografie werden gezeigt. Das linke Bild zeigt eine große Seifenblase und dahinter den Streetart Kopf eines Mannes, der die Backen aufbläst und die Seifenblase scheinbar macht. Das rechte Bild zeigt eine frei schwebende Seifenblase, auf der sich die Architektur spiegelt, Nizza.

© Khaled Youssef, Motive aus seiner Serie der Bubble-Fotografie, Nizza. Foto mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung durch den Künstler.

Ihm zur Seite stehen zwei andere Kulturschaffende in Trier und in Damaskus. Die virtuelle Galerie dient nicht nur dazu, das vorherrschende unschöne Bild von Syrien geradezurücken, sondern auch zu zeigen, dass Kreativität trotz Krieg und Not überlebt, und sogar bunter und ausdrucksstärker denn je geworden ist. Und wieder einmal Nizza…. nicht nur weil Khaled Youssef seit Jahren hier ansässig ist, sondern weil auch ihm die Stadt als Schnittstelle der Kulturen, deren Integration und die bereitwillige Adoption neuer Technologien einfach eine unausweichliche Logik erscheint.

Operation gelungen, Patient blüht und gedeiht

Nein, Cannes oder Monaco sind wir nicht hier, und wollen es auch gar nicht sein. Wir haben weder eine edle Croisette mit ihren Dutzenden Nobelboutiquen noch ein glamouröses Casino. Unsere Promis kennt man nicht vom roten Teppich oder vom Zirkusfestival, sondern man findet sie in ihren Studios und in ihren Startups. Was wir hier haben, ist eine ungemein aktive Szene, wo sich Kunst, Kultur, und Kreativität mit Tradition, Technologie, und Tatendrang den High Five geben. Innovation und Fortschritt ist hier synonym mit Integration unseres eigenen Brauchtums plus dem, was uns unsere zugereisten Freunde so mitbringen. Das passt jetzt so gar nicht ins Image des roséweinschlürfenden, dauersiestazelebrienden Südländers, nicht wahr? Natürlich nicht, denn wir sind ja hier Nizza, unser eigener kleiner Planet. Und es ist schön hier bei uns. Das dürfen Sie jetzt aber bitte nicht weitersagen, denn sonst würden ja alle hierher kommen wollen!

Autorin: Natja Igney, freie Journalistin und Kommunikationsberaterin

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–>Fotos:
* Bildrechte Ville de Nice, mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung
** Bildrechte Riviera Buzz, mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung

 
Puh … was für ein Post – reichhaltiger Lesestoff Nizza mal aus anderer, als der rein touristischen Perspektive zu erfahren! Bin ich froh, dass wir uns über meinen Artikel „Liebeserklärung an Nymphenburg“ auf Facebook austauschten, und dass du, liebe Natja, einen Gastbeitrag bei mir angefragt hast. Er überraschte mich positiv. Wo das Web nur immer hinführt, Überraschungen garantiert #webseidank. Vor allem aber danke ich dir für dein Vertrauen und freue mich auf den weiteren Austausch mit dir!

 
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