Brotwein – eine leidenschaftliche Foodbloggerin: Brot und Wein | #Interview

Foodbloggerin zu sein ist doch easy, oder? Schnell mal kochen, fotografieren, Rezept runterschreiben und im Blog veröffentlichen – fertig, geht ja alles ganz fix, gell?! Weit gefehlt. Sylvia von Brotwein zeichnet ein ganz anderes Bild von einer Foodbloggerin. Es ist akribische Vorarbeit nötig. Wandelt sie ein Rezept ab oder kreiert ein neues, kocht sie es zweimal, bevor sie es im Blog veröffentlicht – warum wohl? Wie lange braucht sie für einen Post? Was bedeutet ihr Esskultur und wie organisiert sie ihren Blog? Elf Fragen, elf spannende Antworten übers Essen, Bloggen & Vernetzen.

Sylvia Kasdorff von Brotwein, eine Foodbloggerin aus München vor atemberaubender Bergkulisse auf dem Gipfel umwolkt.

Auf dem Weg zur Zugspitze – in der Natur sein ist neben Kochen und Backen ein schöner Ausgleich zum technischen Beruf. Foodbloggerin aus Leidenschaft. Foto: Ralf Sorg.


Liebe Sylvia,
wir kennen uns über den Bloggerclub e. V. und über das Lustwandeln in Schleißheim 2016. Zusammen mit Ricarda von Hiddentraces wandelten wir mit anderen durch Schloss, Barockparterre sowie Obstgarten. Ich war damals sehr neugierig, wie du als Foodbloggerin über diesen Tweetwalk berichten wirst, zumal du sehr spezialisiert bist: Brot und Wein sind deine Hauptthemen – eben Brotwein.

Nachgefragt bei der Foodbloggerin Sylvia von Brotwein

1. Stell dich doch mal bitte kurz vor: Wer bist du? Was machst du beruflich? Wirkt sich dein Beruf aufs Bloggen und umgekehrt aus?

Ich bin Sylvia, 43 Jahre alt, verheiratet und lebe seit 17 Jahren in München. Gebürtig komme ich aus Berlin, wobei ich mit 13 Jahren von dort aus nach Würzburg gezogen bin. Dort blieb ich bis zum Ende meines Studiums. Eine sehr prägende Station waren die 1 ½ Jahre in Grenoble, Frankreich. Als Wirtschaftsingenieurin habe ich bereits in sehr unterschiedlichen Feldern gearbeitet. Von der Ingenieurplanung bis zur Entwicklung der Unternehmensstrategie und deren Umsetzung war alles dabei. Inzwischen bin ich selbstständige Beraterin im weiten Feld des Online-Marketings.

In den letzten Jahren haben sich Beruf und Bloggen immer weiter angenähert. Ursprünglich waren Konzeption, Erstellen und optimale Vermarktung von Homepages ein Nebenschauplatz gewesen. Durch den Blog wurde dieser Bereich immer mehr zum Haupterwerb. Der Blog bleibt aber weiterhin ein Hobby, der sich den beruflichen Gegebenheiten unterordnen muss. Rezepte ausprobieren und im Bild festzuhalten läuft weiterhin unter Hobby. Ansonsten genieße ich gerne die Natur beim Wandern.

2. Du bloggst seit 2015 über ein ganz spezielles Thema: Brot und Wein. Wie kam es dazu? War dir von Beginn an klar, was deine Themen sind – warum? Was bedeutet dir dein Blog?

Seit vielen Jahre lese ich Foodblogs, da ich seit ich in München bin keine Fernseher mehr habe. Die Foodblogs sind sowohl Unterhaltung wie auch Ideengeber für das eigene Kochen. Mein Mann meinte immer, dass ich das auch könnte – technisch wie inhaltlich – und ermunterte mich seit 2008 regelmäßig dazu selbst einen Blog zu beginnen. Weihnachten 2014 war es dann soweit. Ich wollte spontan die Familie mit selbstgebackenem Baguette verwöhnen. Leider war das Rezept nicht zur Hand und nach einer längeren Recherche im Internet nach „meinem“ Rezept fand ich es. Doch ich war so genervt darüber, dass es der Auslöser zur Umsetzung war, vier Wochen später, also im Januar 2015, ging der Blog online.

Für das Thema bzw. den Namen wurde lange überlegt, aber nichts Konkretes festgelegt. Das Thema Wein interessiert mich seit meiner Studienzeit in Würzburg. Mit Frankenwein begann ich die Weinwelt zu erkunden, was 2014 zur Ausbildung zum Assistant Sommelier bzw. WSET-2 führte. Mit dem Brot backen begann ich 2012 und wurde schnell zu einer Passion. Immer mehr Rezepte wurden ausprobiert, immer weniger Brot gekauft, bis es zur vollständigen Eigenbrötlerei wurde. Nachdem nun Weihnachten der endgültige Entschluss gefasst war, fiel auch promt wenige Tage später bei einem gemütlichen Glas Rotwein der Name ein: Brotwein mit den Wortbestandteilen Brot – Rotwein – Wein. Ja, dies sind zwei kulinarische Leidenschaften und trifft sich in Brotwein gut. Und wenn erst einmal eine Sache klar ist, dann finden sich die nächsten Dinge recht schnell…

Aufgeschnittenes Walnussbrot auf einem Brett arrangiert von der Foodbloggerin Sylvia Kasdorff

Walnussbrot mit Sauerteig – das erste eigene Rezept und inzwischen ein oft gebackener Klassiker. Foto: Sylvia Kasdorff

3. Wie kommst du zu den Rezepten? Aus Kochbüchern, Hörensagen? Experimentierst du? Was ist dein Lieblingsgericht und welchen Wein empfiehlst du dazu?

Meine Rezepte bzw. Ideen zum Kochen finde ich in Kochbüchern, Internet und Familienrezepten. Beim erstmaligen Kochen halte ich mich meist an das Rezept, danach wird es so abgewandelt wie es mir gerade einfällt.

Die Brotrezepte waren anfangs aus Foodblogs. Mit der Zeit wurden die Rezepte mal bewusst, mal unbeabsichtigt verändert, so dass mit wachsendem Wissen und Erfahrung der Mut zur eigenen Rezeptentwicklung größer wurde. Inzwischen frage ich mich, was für ein Brot möchte ich: Kräftig – mild – zu was soll es gegessen werden? Roggen – Weizen – Dinkel – zu welchem Anteil? Wann möchte ich backen? Aus den Antworten entwickele ich dann das Rezept.

Etwas was ich immer wieder gerne zu besonderen Anlässen koche ist die Entenbrust mit Rotwein-Portwein-Sauce. Dazu gab es schon oft einen Wein der Divino-Serie der Winzergenossenschaft Nordheim-Thüngersheim, wie z.B. einen Cabernet Dorsa oder Pinot Noir.

4. Eine Foodbloggerin muss auch fotografieren können. Ich bin ein visueller Typ. Spricht mich das Foto vom Gericht an, lese ich das Rezept. Präparierst du das Essen, damit es besonders gut ausschaut, oder nicht? Was ist bei Foodfotos zu beachten?

Alles was ich an Essen für den Blog fotografiere esse ich anschließend auch. Kuchen und kalte Speisen sind dankbare Objekte, da sie nicht kalt werden. Suppen ebenfalls, da man diese noch einmal schnell im Topf aufwärmen kann. Jedes andere warme Gericht muss schnell vor die Linse, da ich sehr Wert auf heißes Essen lege.

Am Anfang habe ich mir weniger Gedanken gemacht, wie ich das Foto gestalte. Mit der Zeit merkt man, dass für ein ansprechendes Foto eher weniger auf dem Teller angerichtet werden sollte, als man es aus Gewohnheit tun würde. Auch wirken Nahaufnahmen oft weniger appetitlich als Aufnahmen, bei denen der ganze Teller und etwas Tisch mit abgelichtet wird. Unheimlich einfach mit großer Wirkung ist etwas Grün als Deko auf dem Teller. Etwas Petersilie oder grob geschroteter Pfeffer wirken oft Wunder.

Auf Teller kredenzenter überbackener Chicorée mit Sahnesauce und Haslenuss. Ein Lieblingsrezept der Foodbloggerin Sylvia Kasdorff.

Überbackener Chicorée mit Sahnesauce und Haselnüssen. Foto: Sylvia Kasdorff.

Wunderbar arrangierte Zwetschgentarte mit Pflaumen von Brotwein

Zwetschgentarte. Foto: Sylvia Kasdorff

5. Wie oft bloggst du im Monat? Und wie zeitintensiv ist das Blog für dich? Wie lange brauchst du im Schnitt für einen Blogpost mit Rezeptauswahl, kochen, fotografieren, texten, einpflegen sowie bewerben des Blogposts? Was machst du konkret, um dein Blog bekannt zu machen?

Die Anzahl der Blogposts variiert sehr stark und hängt meist von der Arbeitsintensität im Beruf ab. Im Regelfall veröffentliche ich zwei bis drei Beiträge die Woche, also zwischen acht und zwölf Beiträgen im Monat. Wenn ich im Hintergrund an der Technik arbeite oder viel im Beruf zu tun habe, dann weniger. Für einen Blogpost brauche ich im Durchschnitt einen ganzen Tag. Bei Broten durch die Rezeptentwicklung eher eineinhalb bis zwei Tage. Hier backe ich Rezepte oft zweimal um sicherzugehen, dass die Eigenkreation auch tatsächlich wiederholbar ist. Dann gibt es auch sehr einfache Rezepte, die in nur drei Stunden fertig sind. Insgesamt fällt es im Alltag nicht so sehr auf, da das Kochen und Backen an sich mir unheimlich viel Spaß macht und unter Ernährung bzw. täglichen Genuss fällt.

Als Marketingmaßnahmen wähle ich neben den SEO-Maßnahmen die Social Media Kanäle Facebook, Pinterest und Twitter aus. Dort teile ich meine Beiträge oder veröffentliche Fotos insbesondere in den Brotbackgruppen. Instagram ist in Planung.

6. Gibt es spezielle Events unter Foodbloggern zur Vernetzung? Bloggertreffen oder ähnliche Formate wie Blogparaden? Wie eng ist eure „Bloggerszene“? Wie ist der Austausch zu Nicht-Food-Bloggern?

Die Foodbloggerszene ist sehr groß und entsprechend vielseitig sind die Möglichkeiten in dieser Szene unterwegs zu sein. Es gibt mehrmals im Jahr verschiedene Barcamps speziell für Foodblogger und in München gibt es einen monatlichen Stammtisch zum persönlichen Austausch. Es werden regelmäßig Blogparaden zu verschiedenen Themen ausgeführt, im Durchschnitt kenne ich fünf bis acht Blogparaden pro Monat, an denen ich theoretisch teilnehmen könnte. Den Austausch zu Nicht-Food-Bloggern erhalte ich überwiegend durch den Bloggerclub e. V.. Gerade der Kontakt über den Bloggerclub hilft mir sehr die Food-Brille abzusetzen und den Blick auch in die Bereiche Kultur- oder Elternblogs zu erweitern.

7. Wie eng ist die Bindung zu deinen Lesern? Woran misst du das? Ich frage das deshalb, da sich Kommentare oft ins Social Web verlagern und weniger unter dem Blogpost direkt.

Die Bindung zu meinen Lesern würde ich als eher locker bezeichnen. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass ganz allgemein weniger kommentiert wird als früher, sowohl auf Blogs wie auch in den sozialen Medien.

Was mir allerdings auffällt ist, dass immer mehr Blogger unter den Social-Media-Posts anderer Blogger extrem standardisiert antworten um möglichst viele Kommentare zu platzieren. Gefühlt 20-Mal am Tag wird ein „davon hätte ich jetzt auch gerne einen Teller“ gepostet, nur um des Kommentierens willens. Ich habe mir noch keine endgültige Meinung darüber gebildet, ob dieses tatsächlich sinnvolle Kommunikation mit Reichweitenerhöhung ist und auch Leser außerhalb der Bloggerszene zum Lesen und Kommentieren verleitet, oder es unter Pseudokommunikation fällt.

8. Bei mir schrieb Dr. Peter Peter einen faszinierenden Gastartikel über Frisches Obst im kulturhistorischen Kontext. Gibt es für dich eine besondere Geschichte zu einer bestimmten Speise? Was ist Esskultur für dich?

Meine Zeit in Grenoble hat mir hinsichtlich Esskultur und Lebensqualität neue Welten eröffnet. Die Selbstverständlichkeit wie Essen mit Freunden und der Familie zelebriert wird, habe ich dort kennengelernt. Stundenlanges tafeln und palavern am Wochenende genauso wie den einfachen und doch hervorragenden Mittagstisch mit einem kleinen Glas Wein an einem normalen Arbeitstag.

Der andere Stellenwert von Essen drückt sich auch in den Märkten aus. Die Präsentation und Qualität lädt zum Kauf ein. Besonders begeistert hat mich die Vielfalt an regionalen (Rohmilch-) Käsespezialitäten von Kuh, Schaf und Ziege. Produkte, die hierzulande aufgrund der Optik nicht verkaufbar sind, sind dort absolut rare Spezialitäten. Wer sich darauf einlässt optisch und geruchlich im ersten Moment grenzwertige Käse zu probieren, wird mit unvergleichlichem Geschmack belohnt!

9. Wie empfandest du das Lustwandeln in Schleißheim? Was ist dir in besonders guter Erinnerung geblieben? Wie kam dein Artikel dazu bei deinen Lesern an? Gab es etwas, wozu du gerne noch mehr erfahren hättest bzw. was ist dir als Foodbloggerin an solchen Social Events wichtig?

Am Lustwandeln in Schleißheim fand ich besonders interessant an Orte im Schloss zu gelangen, wo man sonst nur selten hin kommt, z.B. das Treppenhaus und der Dachstuhl sowie die Obstgärten. Besonders gut in Erinnerung blieb mir die Geschichte zur Wiederherstellung des barocken Schlossgartens mit der magischen Zahl acht. Diese Liebe am Detektiv spielen in Archiven sowie den Einsatz von Bodenarchäologie hat gezeigt, wie man an die Rekonstruktion heranging. Und gleichzeitig die Großartigkeit dargestellt, wie damals der ursprüngliche Garten geplant wurde.

Der Obstgarten mit seinen vielen alten Apfel- und Birnensorten hat mich begeistert. Er ist ein wahrer Genschatz, der gehoben werden sollte. Auch wenn beim Lustwandeln dieser Schwerpunkt gut herausgearbeitet war, kann ich als Foodblogger über diesen Teil des Schlosses nie genug erfahren! Auch über den Küchentrakt, wer und wie viele Personen dort ständig arbeiteten, welche Speisen im Alltag und zu Festen zubereitet wurden und woher und welche Mengen die Zutaten aus dem Umland kamen, hätte ich interessant gefunden. – Aber mir ist klar, dass ich hier ein spezielles Interesse habe, die vom Inhalt her Stoff für mehrere eigene Führungen ergeben hätte.

10. Die Kultur-Museum-Frage: Wie genießt du am liebsten Kultur – alleine, mit Freunden oder Partner? Was suchst du gerne auf? Spielen Museen eine Rolle für dich bzw. wie müssen sie sein, um dich zu erreichen?

In Museen, Gallerien und Schlösser gehe ich überwiegend zusammen mit meinem Lebenspartner oder einer Freundin, selten allein. In den Nymphenburger Schlossgarten gehe ich aufgrund seiner räumlichen Nähe auch manchmal alleine.

Wenn ich Schlösser und Kirchen besichtige, möchte ich möglichst viel über das Gebäude und seine Kunstschätze sowie die damals lebenden Hausherren wissen wollen. Als Nicht-Kunsthistorikerin brauche ich Hinweise und Erläuterungen zu Symbolen, da sie sich mir nicht immer gleich erschließen. Auch die Einordnung in die regionale oder europäische Bedeutung eines Objektes finde ich hilfreich, um den vorhandenen Kulturschatz unserer Vorfahren einzuordnen. Neben den bedeutenden Kunstschätzen sehe ich gerne auch Objekte des normalen Alltagslebens. Wie war ein normaler Tagesablauf im Schloss, wie wurde es versorgt, wie ging es den normalen Menschen in dieser Zeit. Was waren die dringenden Fragen in den jeweiligen Epochen? Was gab es für außergewöhnliche Geschichten?

11. Dein Lebensmotto für den Leser: Was möchtest du ihm/ihr mitgeben?

Träume Dein Leben und lebe Deinen Traum!

Die Foodbloggerin Sylvia Kasdorff von Brotwein mit Wanderstock in den Bergen.

Die Foodbloggerin Sylvia Kasdorff von Brotwein. Foto: Ralf Sorg

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Liebe Sylvia,
mit Begeisterung las ich deine Antworten. Foodbloggen ist mir so fern, doch du brachtest es mir näher. Fortan werde ich Rezepte in Blogs mit anderen Augen sehen. Als Bloggerin ist mir bekannt, wie aufwendig das sein kann. Was du und ihr Foodblogger generell leistet, verdient großen Respekt und zeugt von großer Leidenschaft – ein herzliches Dankeschön für den Blick hinter die Kulissen deines Blogs!

Was möchtest du von Sylvia wissen? Wie siehst du das mit dem Kommentieren der Artikel? Wir Blogger freuen uns sehr über eine Rückmeldung zu unseren Artikeln. Das ist für uns das Salz in der Suppe!

 
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