Mein Kultur-Tipp für Euch: Degas in Karlsruhe #KultTipp

Über diesen Gastbeitrag „Mein Kultur-Tipp für Euch: Degas in Karlsuhe“ der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe bin ich begeistert. Lebendig stellt Isabel Koch das Besondere und Experimentelle der Degas-Ausstellung vor – bekannte, aber auch erstaunliche Werke erwarten euch – aber nur zu: Lesen und zwar alles!!!

Edgar Degas, Sängerin in einem Pariser Gartencafé, (Detail), 1880 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Edgar Degas, Sängerin in einem Pariser Gartencafé, (Detail), 1880 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Ich arbeite nun seit etwas mehr als einem Jahr an der Kunsthalle. Als ich im August letzten Jahres dort angefangen habe, stand bereits fest, dass es Ende 2014 eine große Edgar Degas Ausstellung geben würde.

Natürlich gehört Degas für jeden Kunsthistoriker zum Kanon der europäischen Kunstgeschichte, es gab allerdings schon so viele Degas-Ausstellungen weltweit und auch in Deutschland, besonders seit den 80er Jahren. Erst 2012 präsentierte die Fondation Beyeler in Riehen Degas in seinem Spätwerk als „kühner Wegbereiter der Moderne“. Ich habe mich also zu Anfang durchaus gefragt: Warum zeigen wir Degas in Karlsruhe?

Neue Perspektive auf einen bekannten Künstler

Je mehr ich jedoch im Laufe der Ausstellungsvorbereitungen über die thematische Ausrichtung und über die Konzeption erfuhr, desto mehr begeisterte mich dieses Projekt. Besonders im Gedächtnis ist mir hier der Moment, in dem ich die erste ausgedruckte Fassung des Katalogs durchblätterte.

Gerade als Kunsthistorikerin ist man davon überzeugt, die berühmten Künstler eigentlich ganz gut zu kennen und zu wissen, was man sozusagen von ihnen „zu erwarten hat“. Eigentlich ein schrecklicher Gedanke, aber leider geht es mir ganz oft so, dass mich Künstler, deren Werke ich schon in vielen Ausstellungen gesehen habe, nicht mehr überraschen. Bin ich als Kunstgeschichtsstudentin noch mit großen Augen durchs Museum gelaufen, ertappe ich mich heute öfter bei dem Gedanken „schon gesehen“. Meist geht mir das besonders bei den Künstlern so, die besonders bekannt sind. Vielleicht auch weil ich die „typischen“ Motive nicht nur in diversen Museen, sondern auch auf Tassen, Bettbezügen oder Schirmen gesehen habe. Ich möchte hier nicht sagen, dass ich es nicht genieße, Werke von berühmten Künstlern im Original zu sehen… natürlich ist das ein ganz besonderer Moment! Es fehlt mir einzig und allein das Gefühl der Überraschung, etwas zu sehen, das man nicht erwartet hat. Und genau das hatte ich bei Degas, als ich den Katalog durchblätterte. Natürlich finden sich darin die bekannten Szenen aus Ballettstudios, Caféhäusern und der Rennbahn, aber auch Motive, die ich so nicht mit Degas in Verbindung gebracht hätte.

Das Anliegen unserer Degas-Ausstellung ist es nämlich, vor allem jene Aspekte
von Degas Werk zu betrachten, die bisher in der öffentlichen Rezeption zu kurz gekommen sind. Dazu gehören seine Porträts, vor allem von Familie und Freunden, die zu seinen Lebzeiten nie in einer Ausstellung zu sehen waren, seine Landschaften, seine Monotypien, die er wenn überhaupt seinen Freunden gezeigt hat sowie, eng damit verwoben, seine Tätigkeit als Kopien- und Historienmaler.

Edgar Degas, Alexander und Bucephalus, 1861/62, Courtesy National Gallery of Art, Washington

Edgar Degas, Alexander und Bucephalus, 1861/62, Courtesy National Gallery of Art, Washington

Degas und der Impressionismus

Degas sagte über sein Werk, dass es frei von jeglicher Spontanität sei und auf dem Wiederholen der gleichen Motive beruhe. Diese Aussage wird oft von seinem Ruf als Chronisten des modernen Pariser Lebens der Jahrhundertwende und seiner fälschlichen Zuordnung zum Impressionismus überlagert. Sowohl Degas Themenwahl als auch seine Maltechnik stehen jedoch in einem direkten Gegensatz zum impressionistischen Prinzip. Die Impressionisten wählten Themen wie Picknicks im Park, lichtdurchflutete Gärten oder Spaziergänger am Ufer der Seine, die sie möglichst spontan en plain air malten, um die besondere Stimmung des Moments einzufangen. Im Gegensatz dazu komponierte Degas seine Bilder nach genauen Berechnungen in seinem Atelier. Die scheinbare Spontanität, die man in seinen Werken wahrzunehmen glaubt, ist das Ergebnis eines minutiös geplanten und konstruierten Bildaufbaus. Obwohl er die Impressionisten-Ausstellungen ab Mitte der 1870er Jahre organisierte, ordnete er sich nie selbst dieser Kunstrichtung zu. Er stand ihr zwar nahe, gehörte ihr jedoch nicht wirklich an.

Klassik und Experiment

Der Untertitel der Ausstellung „Klassik und Experiment“ formuliert die zwei, in einem Spannungsverhältnis zueinander stehenden, thematischen Eckpfeiler, auf denen unsere Ausstellung aufgebaut ist. Zum einen legt sie den Fokus auf den Stellenwert, den die
klassische Maltradition und die Alten Meister in Degas‘ Werk hatten und stellt dadurch die Zuordnung Degas‘ zum Impressionismus ganz bewusst auf den Prüfstand. Zum anderen zeigt sie aber auch die experimentellen Verfahren, die Degas teilweise für seine Kunst verwendete. Der Künstler ließ sich besonders von der damals gerade aufkommenden Fotografie und von japanischen Farbholzschnitten in seinen Arbeiten inspirieren, die die damaligen Sehgewohnheiten in Frage stellten.

Edgar Degas, Die Gesangsprobe, um 1872/73 © Dumbarton Oaks, Washington, D. C.

Edgar Degas, Die Gesangsprobe, um 1872/73 © Dumbarton Oaks, Washington, D. C.

Von den Alten Meistern auf die Bühnen der Pariser Café-Concerts

Degas‘ Praxis des Kopierens zieht sich als roter Faden durch die Ausstellung und verbindet in einer zusammenhängenden Narration seine Anfänge als Kopien- und Historienmaler mit seinen populären Motiven aus Ballett, Rennbahn, Oper und Bordell.

Die Ausstellung veranschaulicht, dass die Darstellungsmuster von Degas‘ zeitgenössischen Bildthemen nicht für sich stehen, sondern einer klassischen kunsthistorischen Tradition folgen, aus der er sie entwickelt hat und auf die er sich immer wieder beruft.

Degas kopierte die Alten Meister immer wieder, ob im Medium der Druckgrafik, Zeichnung oder Malerei. Die Bandbreite der von ihm kopierten Künstler ist sehr groß und reicht von Raffael und Leonardo über Botticelli, Tizian und Rembrandt bis hin zu van Dyck und Delacroix. Er ließ sich nicht auf die von der Akademie vorgegebenen Maler festlegen, sondern beschäftigte sich mit allen Künstlern, die ihn interessierten.

Am Beispiel der Historienmalerei lässt sich in der Ausstellung sehr gut Degas‘ Entwicklung nachvollziehen. Nachdem Degas in seinen Anfängen mehrere klassische Historienbilder schuf, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind, suchte er bald nach einer zeitgemäßeren Darstellung dieser Gattung, die ihm sehr lebensfremd erschien.

Ab Mitte der 1860er ließ er die Historienmalerei mehr und mehr hinter sich, nicht so jedoch seine in akribischer Feinarbeit herausgearbeiteten Bildkompositionen sowie Posen, Gesten und Haltungen der Dargestellten. Sie wurden in sein neues Themenspektrum überführt und dort wieder verwertet, allerdings nicht eins zu eins, sondern natürlich in veränderter Form und um neue Aspekte ergänzt. So geht man durch die Ausstellung und findet die Darstellungsmuster eines Historienbildes wie Alexander und Bucephalus in dem zeitgenössischen Interieur wieder, in dem gerade eine Gesangsprobe stattfindet. Und die jungen Spartanerinnen treten in einen formalen Dialog mit den probenden Balletttänzerinnen. Die historischen Schauplätze werden durch die Opernbühne, das Theater, den Proberaum oder das Café-Concert ersetzt.

Durch den Fokus auf die Kopiertätigkeit Degas‘ und die Gegenüberstellung seiner klassischen Historienbilder und Porträts mit ihren Pendants des zeitgenössischen Lebens zeigt die Ausstellung wie die Kompositionsmuster sich fortschreiben und weiterentwickelt werden. Obwohl Degas sich an seinen etablierten klassischen Darstellungsmustern orientiert, probiert er in seinen Werken des modernen Paris neue Raumperspektiven aus, schneidet den Bildraum, Gegenstände oder Figuren an und erreicht dadurch einen spannenderen Gesamteindruck.

Edgar Degas, Junge Spartanerinnen fordern Knaben zum Wettkampf  heraus, um 1860, The Art Institute of Chicago, Photography © The Art Institute of Chicago

Edgar Degas, Junge Spartanerinnen fordern Knaben zum Wettkampf
heraus, um 1860, The Art Institute of Chicago, Photography © The Art Institute of Chicago


 

Edgar Degas, Ballettklasse, um 1880, Privatsammlung

Edgar Degas, Ballettklasse, um 1880, Privatsammlung

Experimentelle Verfahren

Überraschend experimentell zeigt sich Degas in der Ausstellung vor allem was neue künstlerische Methoden angeht. Besonders ab Mitte der 1870er Jahre wendete er verschiedenste Herstellungsverfahren für seine Werke an. Auch in diesem Bereich offenbart sich die Wechselbeziehung aus Klassik und Experiment, die seinem Werk innewohnt. Die Ausstellung zeigt, wie der Künstler einerseits klassische Zeichenutensilien wie Bleistift oder Kohle sowie Malwerkzeuge wie Ölfarbe, Pinsel und Leinwand nutzte; zum anderen stellte er Radierungen und Lithografien her und experimentierte mit der Monotypie und der Fotografie. In seinen Monotypien, die auch Teil der Ausstellung sind, zelebrierte er den Einfluss des Zufalls dieser Technik auf das Motiv und erschuf in seinen „paysages imaginaires“ Landschaften, die über die gegenständliche Konnotation des Motivs weit hinaus reichten und sich der Abstraktion annäherten. Diese Werke weisen eher surrealistische Aspekte auf, als dass sie sich auf den Impressionismus beziehen.

Cap Ferrat, 1892 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Cap Ferrat, 1892 © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe


 

Mein Kultur-Tipp für die Blogparade von Tanja Praske ist also die Ausstellung DEGAS. Klassik und Experiment, die ab 08.11.2014 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen ist und die Degas‘ Modernität aus seiner klassischen Tradition herausarbeitet und nicht in einen Gegensatz zu dieser stellt.

Autorin: Isabel Koch, Mitarbeiterin im Bereich Presse und Medien der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Tweetup-Hinweis

Am 14.11.2014, um 19:00 findet in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ein „Twitter-Salon – Mit Degas in die Nacht“ statt. Der Hashtag des Tweetups lautet: #DegasSKK. Auf Twitter könnt ihr virtuell dabei sein und mit den Teilnehmern im Netz diskutieren.


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