Christoph Brech: „Überleben“ im Bayerischen Nationalmuseum

Überleben. Installationen im Dialog mit dem Mittelalter“– eine spannende Ausstellung des Foto- und Videokünstlers Christoph Brech (bis 4. September 2016) im Bayerischen Nationalmuseum in München – klare Empfehlung meinerseits! Die Gegenüberstellung von alter und neuer Kunst sowie die Führung des Künstlers durch die Ausstellung begeisterten mich zutiefst. Wenn du also im Sommer in München nicht weißt wohin, wenn es grau und regnerisch ist, oder du eine Abkühlung mit geistiger Erhitzung brauchst, dann geh hin – schau dir „Überleben“ an, lass dich überraschen, es lohnt sich definitiv!

–> Die Fotos zur Ausstellung müssen laut VG-Bild sechs Wochen nach Beendigung der Ausstellung aus den Blogs entfernt werden – also, leider lieber Leser, gibt es keinen Augenschmaus mehr für dich hier.

Als ich den Ruf der Bayerischen Museumsakademie folgte: Christoph Brech führt durch seine Ausstellung in den altehrwürdigen Räumen des Bayerischen Nationalmuseums, habe ich nicht das erwartet, was mich vor Ort erstaunte und faszinierte. Ich war anfänglich sehr skeptisch, gerade nach meiner Koons-Erfahrung im Liebieghaus. Diese fand ich eine ganze Zeit lang nur scheußlich, die Mediävistin, die ich bin, wollte sofort rausrennen, Blasphemie, schrecklich … Doch dann, nach einem Moment des Innehaltens und des mich-darauf-Einlassens erwischte mich der Reiz der Irritation.

Christoph Brech: „Überleben“ – verstörend, begeisternd, fragwürdig?

Im Bayerischen Nationalmuseum war das nun ganz anders. Die Ideen und die feinfühlige Auseinandersetzung Christoph Brechs mit der alten Kunst berührten und überzeugten mich sofort. Er stellte nicht einfach irgendeine Skulptur oder Installation in den Raum hinein. Nein. Vielmehr spielt er bewusst mit den Gegensätzen, respektvoll, nachdenkenswert und irritierend. Teilweise schuf der Künstler eigens Werke für die Ausstellung oder er konfrontierte seine älteren Werke mit denen des Mittelalters. Fakt ist, er hat einen sehr persönlichen Zugang zur mittelalterlichen Kunst. Er denkt sie anders weiter, arbeitet bewusst mit Brüchen, mal harmonisch, mal eruptiv und verstörend, mal ergänzend, dann wieder ganz neu interpretierend. Dabei lässt er genügend Spielraum für eigene Gedanken – das schätze ich sehr!

–>wegen der Fotorechtslage ersetzt dieser Text hier das Foto vom Werk des Künstlers, da VG-Bild das so vorschreibt – sechs Wochen nach Ausstellungsende müssen Fotos vom Objekt entfernt werden.

Ursprünglich plante ich eine ausführliche Besprechung der Ausstellung, dann kam die Blogparade #KultTrip mit den grandiosen 50 Kulturtrips dazwischen und die Zeit verfloss schneller als ich dachte. Und jetzt? Jetzt löse ich ein Versprechen ein, das ich meiner Familie gab: Die nächsten zwei Wochen bin ich offline. Da die Ausstellung nur noch bis zum 4. September läuft und ich sie dir unbedingt ans Herz legen möchte (Tanja und ihre Sprüche … boah … sagt man das so? Ist mir jetzt auch schnurz, da es um die Kunst geht), gibt es heute von mir einen Shortcut dazu – einen Appetizer für dich!

Fragen an den Kurator

Mit dem Kurator der Ausstellung „Überleben“, Dr. Raphael Beuing, traf ich mich ein paar Wochen nach der Führung erneut. Ich stellte ihm Fragen zur Ausstellung, von der ersten Idee, der Zusammenarbeit mit dem Künstler zu großen Herausforderungen und seinen Lieblingswerken. Damit bleibe ich meinem Ansatz treu, dir besondere Blicke hinter die Kulissen einer Ausstellung à la „Gefährliche Liebschaften“ des Liebieghaus Museums zu geben.

Ich gebe seine Aussagen frei wieder und ergänze sie um meine eigenen Beobachtungen – also, happy reading!

–>wegen der Fotorechtslage ersetzt dieser Text hier das Foto vom Werk des Künstlers, da VG-Bild das so vorschreibt – sechs Wochen nach Ausstellungsende müssen Fotos vom Objekt entfernt werden.

Wie kam es zur Ausstellungsidee?

Aus Versehen? Nein. Das zwar nicht, aber manches Mal ergibt sich eine Idee bei einem gemeinsamen Kaffee. So ungefähr passierte es hier. Der Kurator, Dr. Beuing, lernte Christoph Brech vor 3,5 Jahren auf einer Vernissage kennen. In der Nachfolge liefen sie sich häufiger über den Weg, diskutierten miteinander über Kunst. Irgendwann stand dann die Idee im Raum, eine Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum gemeinsam zu machen. In München ist der Foto- und Videokünstler kein Unbekannter, bereits 2010 widmete sich ihm und seiner Kunst eine Ausstellung in der Villa Stuck.

Wann begannen die Vorbereitungen zu „Überleben“?

Erste Planungen erfolgten 1,5 Jahre vor Eröffnung. Der Generaldirektorin, Dr. Eikelmann, gefiel die Idee einer Ausstellung mit Christoph Brech. Sie fungierte als Supervisor, während der Künstler zusammen mit dem Kurator die Werke auswählte. Das geschah nicht ganz ohne Reibung, die aber heilsam war und Unerwartetes hervorbrachte.

Was waren die größten Herausforderungen?

Die Installation „Himmelwärts?“ entstand recht kurz vor Ausstellungseröffnung. Denn ursprünglich war hier eine ganz andere Installation geplant. Der Raum sollte mit Schrott ausgefüllt werden. Der Künstler hatte dafür aus nicht kontaminiertem Material Objekte auszuwählen. Tja, es geschah lange nichts und am Ende kam eine ganz andere Idee auf: Christoph Brech band mit Helium gefüllte silberne Ballone an den Rüstungen fest. Sie streben himmelwärts. Die Rüstungen spiegeln sich darin und provozieren ein Gleißen, das morbide bei stetig verschrumpelnden Ballonen wirkt. Total klasse – ich muss unbedingt mit Mini hierher!

–>wegen der Fotorechtslage ersetzt dieser Text hier das Foto vom Werk des Künstlers, da VG-Bild das so vorschreibt – sechs Wochen nach Ausstellungsende müssen Fotos vom Objekt entfernt werden.

„Was denken die anderen?“

„Welche anderen?“, dachte ich und fragte nach. Der Kurator fühlte sich dazu verpflichtet, die Mitarbeiter, auch Externe – Restauratoren, Handwerker, Technischer Dienst – davon zu überzeugen, dass hier ein gutes und wichtiges Projekt entsteht, dass sie mithalfen, dieses zu gestalten. Denn diese Art von Sonderausstellung – Moderne trifft alte Kunst – war für das Bayerische Nationalmuseum neu. Sie ist in der Tat sehr außergewöhnlich, gar gewöhnungsbedürftig? Ich weiß nicht. Das muss jeder für sich selber entscheiden. Mich faszinierten die teils verrückten, irritierenden Gegenüberstellungen: alte versus moderne Kunst!

Der Erfolg spricht für sich, nicht umsonst verlängerten die Museumsmacher die Sonderausstellung!

–>wegen der Fotorechtslage ersetzt dieser Text hier das Foto vom Werk des Künstlers, da VG-Bild das so vorschreibt – sechs Wochen nach Ausstellungsende müssen Fotos vom Objekt entfernt werden.

Was sind die Lieblingswerke des Kurators?

Dr. Raphael Beuing nennt gleich drei Lieblingswerke:

  1. „Paradiso“
    Für den Kurator verfremdet die Installation den Raum. Das geschieht allein durch Licht und Ton. Das Himmelslicht verändert sich, Immaterialität wird betont.

    Tatsächlich möchte man hier länger verweilen. Der Raum wirkt atmosphärisch. Die bunten, stets wechselnden Farbtupfer am Pfeiler zusammen mit den Fensterbildern erwecken für mich einen Hauch von Vergangenheit, obwohl das Farbenspiel modern ist. Da kommt die Mittelalterfrau in mir wieder hervor und das Wissen, dass die Kirchen, Dome und Kathedralen in ihrer Ursprungszeit bunt bemalt waren. Sie erzählten die biblische Geschichte bildhaft und das zu einer Zeit, als die meisten Menschen noch Analphabeten waren.

  2. „Transito“
    Der Kurator fühlt sich zur Installation hingezogen aufgrund des Abstraktionsgrads, den die Geräusche provozieren: Für ihn irritieren sie und sind deshalb nicht so atmosphärisch wie „Paradiso“. Diese Installation arbeitet mit dem Moment der Überraschung. Spannend ist für ihn die Gegenüberstellung mit der Skulptur „Jesuskind und Engel“.
  3.  

  4. „Seaforce 1“
    Raphael Beuing sieht hier das Spiel. Was bleibt am Ende? Die Kunst, sie bleibt. Es ist nicht erkennbar, was dargestellt ist. Für ihn bedeutet diese Installation die Sublimierung der Ausstellungsidee: „Unsterblich“. Unsterblich ist und bleibt die Kunst.

    Es geht dabei nicht um Qualitätskriterien in der Art: Was ist „gute“ Kunst? Oder was überhaupt Kunst ist? Sondern einfach nur darum: Kunst bleibt. Jeder definiert für sich Kunst anders und lässt sich anders darauf ein. Und seien wir mal ehrlich, ist das nicht das Spannende daran? Mich interessiert kein Kanon, mich interessiert nur, ob mich die Kunst berührt. Christoph Brechs Installationen in Kombination mit den Skulpturen des Mittelalters erwischten mich vollends!

Dieser Artikel ist nicht der erste zum Bayerischen Nationalmuseum: Annegret Mitterer schrieb bereits über „Ritter, Helden und Raufbolde“ und Claudie Paye zu: „Münchner Museumstour für Kinder mit Migrationshintergrund – Bayerisches Nationalmuseum (1)„. Tatsächlich ist mir das Museum ans Herz gewachsen. Anders als in anderen Münchner Museen, geht es hier sehr beschaulich zu. Sicherlich, neue Gedanken zur Ausstellungspräsentation täten gut – das passierte bereits für die Barockabteilung, aber darüber schreibe ich mal separat -, wer sich aber einfach nur auf die Kunst und auf das Lustwandeln im Museum einlässt, der ist hier genau richtig aufgehoben.

Vielleicht werde ich diesen Artikel Ende August noch ergänzen, da ich so viel Material und Gedanken dazu habe, einschließlich des klasse-bebilderten Ausstellungskatalogs, den mir das Museum dankenswerter Weise kostenfrei zur Verfügung stellte! Aber jetzt heißt es erst einmal: Genießt den Sommer!

Informationen zum Bayerischen Nationalmuseum
Bayerisches Nationalmuseum

Prinzregentenstraße 3
80538 München
Telefon +49 (0)89 21 12 40 1
bay.nationalmuseum@bnm.mwn.de

Öffnungszeiten

Museum
Dienstag bis Sonntag 10 – 17 Uhr
Donnerstag 10 –    20 Uhr
Montag geschlossen

Katalog zur Ausstellung

ÜBERLEBEN – Christoph Brech
Installationen im Dialog mit dem Mittelalter
Hrsg. vom Bayerischen Nationalmuseum und der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e. V.
24,90 Euro

Eintrittspreis für Museum und Ausstellung

Erwachsene 7 Euro
Ermäßigt 6 Euro
Sonntags 1 Euro
Freier Eintritt für Mitglieder und Besucher bis zum vollendeten 18. Lebensjahr.

Kulinarischer Tipp:

Kontakt und Reservierung
Restaurant Bayerisches Nationalmuseum
Prinzregentenstraße 3
80538 München
Telefon +49 (0)89 45 22 44 30
Fax +49 (0)89 45 22 44 311
Info[AT]bnmrestaurant.de
www.bnmrestaurant.de

Der Milchcafé im Restaurant des Bayerischen Nationalmuseums ist schon mal fein. Das Essen muss ich mal testen.

Der Milchcafé im Restaurant des Bayerischen Nationalmuseums ist schon mal fein. Das Essen muss ich mal testen.

–>Disclaimer: Alle Fotos stammen von mir mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung durch das Bayerische Nationalmuseum. Abbildungen: © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Und? Besuchst du die Ausstellung oder hast du sie schon gesehen? Wenn ja, was ist deine Meinung? Wenn du noch mehr darüber wissen möchtest, bitte nutze die Kommentarfunktion. Ich werde antworten!

Noch eine letzte Sache: Hiermit übergebe ich Anne Aschenbrenner von den @Kulturfritzen für zwei Wochen mein Blog. Lest mit, unterstützt sie und lasst euch überraschen, was passiert!

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