Grenzerfahrung – Twitter-Theater-Woche: Stopp im Residenztheater #TTW13

WOW – das war die Twitter-Theater-Woche (#TTW13) und vor allem #Flegel im Residenztheater für mich – eine absolute Grenzerfahrung! Das Residenztheater in München loste Twitter-Statisten für die Aufführung „Flegeljahre“ von Jean Paul aus. Fünf Twitterer saßen zusammen mit anderen Statisten am 13.12.2013 mitten im Geschehen in einer Schankszenerie auf der Bühne . Der einzige Unterschied zu diesen – sie twitterten und fotografierten ihre Eindrücke in Echtzeit ins Social Web. Ich war eine von ihnen – klasse, genial, superbe, magnifique …!

Residenztheater by night.

Erst ging es zur Führung durchs Residenztheater, dann stand die Flegelei auf der Bühne an – #TTW13 war grandios!


 
Nun, ich dachte, für meine Nachlese recherchiere ich akribisch, was so alles bei #TTW13 passierte, was darüber geschrieben wurde, wie es in Amerika gehandhabt (danke @ulrikeschmid für den Tipp) wird etc. Pustekuchen. Das mache ich jetzt nicht. Warum? Weil ich mir jetzt erst einmal das Erlebte, den emotionalen Ausnahmezustand, in dem ich mich im Vorfeld, währenddessen und noch danach befand und befinde, von der Seele schreiben muss.

Was ist #TTW13?

Die Idee von #TTW13 an sich ist grandios. Der Hashtag steht für „Twitter-Theater-Woche“ – fünf Tage lang twitterten fünf Theater bundesweit von ihrem ganz normalen Alltagswahnsinn. Das Programm gibt es hier. Über die Ausführung der einzelnen Häuser lässt sich sicherlich diskutieren. Für mich war es jedoch ein richtiger Schritt zu mehr Transparenz, aber auch Interaktion mit dem digitalen Publikum. Einige mokieren sich über die Banalitäten oder den Klamauk, die mitunter im Netz kursierten, andere wünschen sich noch mehr Interaktion, mehr Dialog, mehr Mitgestaltung des Theatergängers bzw. -interessierten. Eines ist für mich jedoch klar: Die Theater öffneten sich für neue Rezeptionsprozesse, für neue Wahrnehmungsstrukturen, die zwangsläufig mit den digitalen Medien einhergehen – eine neue und immense Herausforderung für Kulturinstitutionen. Die wenigsten von ihnen sind darauf in Deutschland gewappnet. Das sieht in den angelsächsischen, skandinavischen Ländern oder auch bei unseren direkten Nachbarn, den Niederländern, schon ganz anders aus (siehe Rijks studio, Rijksmuseum). Sie gehen offener damit um und sind uns einiges voraus. Deshalb – liebe Theater in Hamburg, Bochum, Hannover, Berlin und vor allem in München – merci beaucoup für Euren Mut zur spannenden Aktion! Der absolute Höhepunkt war für mich die #Flegel-ei auf der Bühne des Residenztheaters.


#TTW13 – Full House Crossmedia bzw. kein „Entweder-Oder“

Es bedeutet schon eine große Leistung fünf Tage das Interesse für einen Hashtag aufrechtzuerhalten. Zwischendurch flaute es sicherlich ab. Ich war nicht durchgängig on. Schließlich gibt es Familie und Job, die zeitintensiv sind. Trotzdem schaute ich immer wieder hinein, verfolgte die Diskussionen im Netz und in den Medien. Nachtkritik sammelt hierzu einiges. Vor allem die Blogposts von @cogries als #Flegel-involvierter, Livekritik.de, @gonzo_archivist als Netzbeobachter sowie @isawap geben einen sehr guten analytischen Eindruck vom Stimmungsgelage und der Bedeutung von #TTW13 wieder – bitte lesen!
 
Eines erreichten die Theater mit der Aktion auf jeden Fall, nämlich Full House Crossmedia par excellence – das mediale Echo, im Digitalen wie in den klassischen Medien, war herausragend. Die Aktion brannte in den Medien vor, loderte währenddessen und züngelt nach. Der Twitter-Event löste neue Denkprozesse aus, die Diskussionen darüber starten jetzt erst so richtig. Was darf oder muss eine Kulturinstitution machen, um sich dem gewandelten Medienkonsum und den daraus resultierenden verändernden Wahrnehmungsformen zu stellen, wenn sie nicht ausschließlich eine elitäre Bildungsschicht erreichen, sondern für Viele da sein möchte? Es geht hier nicht um ein „Entweder-Oder“ – entweder analoge oder digitale Veranstaltung. Sind darauf Kulturinstitutionen gepolt, dann haben sie bereits verloren, noch bevor sie sich den veränderten Bedingungen gestellt haben. Vielmehr geht es um Integration UND Abgrenzung zwischen analogen und digitalen Kulturvermittlungsprozessen. Paradox, richtig? Das bleibt vorerst ungelöst. Ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung. Jede Menge Stoff zum Nachdenken ist nun da!

Höhepunkt von #TTW13 – #Flegel im Residenztheater

Das Residenztheater war phänomenal innerhalb von #TTW13, ein Höhepunkt ohne Worte. Na, na, na … keine Bange, ich höre jetzt nicht auf. Aber was das Web-Team des Residenztheaters auf die Beine stellte, war Full House Interaktion, Unterhaltung, Dialog, Diskussionsstoff, Emotionen hoch zehn – alles in einem und noch viel mehr. Warum? #Nussecken als geflügeltes Wort wurden befeuert. Das wird von nun an wohl für länger an ihnen haften bleiben. Das Ping Pong mit den anderen Kultureinrichtungen in München, vor allem mit der Bayerischen Staatsoper war einfach nur grandios. Hier wurde keine Strategie kalt umgesetzt, sondern die Idee der Interaktion tatsächlich gelebt. Eine unglaubliche Mischung aus Kalkül, Intuition, Experiment und vor allem Spaß und Emotionen kam dabei heraus. Sie spielten auf der kompletten Klaviatur verinnerlichter Kommunikation. Eins plus mit Sternchen dafür!



Ein besonderer Coup – die Twitter-Statisten für #Flegel

Als Twitter-Statistin war ich im Vorfeld bereits dermaßen aufgekratzt, dass ich schon gar nicht mehr wusste wohin mit meinem Adrenalin … es kamen dabei auch für mich recht ungewöhnliche Tweets und Handlungen heraus. Ich glaube heute noch kaum, dass ich unbedingt meinen Schuhtick als therapeutische Maßnahme, um mich mental abzukühlen bzw. wieder zurechnungsfähig zu werden, ins Web hinausposaunen musste. Das Vorglühen mit den anderen Teilnehmern und das Anheizen durch das Resi-Web-Team war krass und herrlich, brachte mich aber nicht wirklich herunter. Was Twitter mir bedeutet, könnt ihr hier nachlesen und hier nachschauen (zu #TTW13 ab Minute 11). Als Kulturkonsorte erlebte ich schon sehr viele Tweetups, mitunter sehr ungewöhnliche, wie zuletzt #outofblue – ein Tweetup in einer Ausstellung, die es gar nicht gibt.

Meine Perspektive auf die Bühne von "Der Flegel" im Marstallmuseum - klasse!

Meine Perspektive auf die Bühne von „Der Flegel“ im Marstallmuseum – klasse!

Aber auf einer Bühne, mitten im Geschehen sowie beteiligt – ich musste singen! (gut, dass ihr das nicht gehört habt) – saß ich noch nie. Ja, es war definitiv für mich eine Grenzerfahrung. Paradoxerweise brachte mich die Twitter-Führung im Residenztheater vor der Aufführung wieder auf ein in etwa normales Maß von Zurechnungsfähigkeit zurück. Die Hochstimmung und Ergriffenheit der besonderen Situation blieb. Das Herz hüpfte, hinter der Bühne zu sein, teils morbide Requisitenarrangements zu sehen, für das Publikum sonst verschlossene Gänge zu betreten, in den Malsaal zu kommen – einfach herrlich, aber sieht selbst.

Und dann saß ich auf der Bühne von #Flegel …

… gedrängt mit anderen Statisten und den vier weiteren Twitterati am Rand der Bühne. Spotlight an, Spotlight aus, Sichtlinie – runter, wieder hoch, Schauspieler, die auf den Tischen herumsprangen, sich schlägerten, surreal auf Rollschuhen mit Tiermasken und halbnackt um die Bühne herum fetzten, uns Twitterati spielerisch drohten, uns vor allem aber nicht als Fremdkörper fühlen ließen, wie @cogries zurecht anmerkte. Unglaubliche Perspektiven boten sich uns. Klar, dass ich nicht das Stück zur Gänze mitbekam, Multitasking bindet einige Aufmerksamkeit. Die Follower im Netz stellten auch Forderungen, Fragen und ein #Selfie. Yep, selbst das machte ich, damit sie endlich Ruhe gaben (nicht böse sein, habe ich nur für Euch gemacht, nachdem die Technik funktionierte; hier gibt es übrigens ein sehr gutes Interview über die Bedeutung von #Selfies von Obama zurück bis Dürer). Verhalten beobachtete ich die Reaktionen auf die Tweets.
 
Das Stück bannte meine Aufmerksamkeit. Mich erstaunte, wie sich bestimmte Sätze der Schauspieler und Zusammenhänge des Stücks, die Sprache Jean Pauls in mein Bewusstsein einbrannten, dort blieben und von mir intuitiv geteilt werden wollten. Zwischendurch genoss ich einfach nur das Stück, vergaß zu twittern, ließ die Eindrücke auf mich wirken, beobachtete die Gemütsregungen der Schauspieler – ein absolut unmittelbares Erlebnis. Ein Erlebnis, das für eine Twitterati wohl kaum noch zu toppen geht. Ein Erlebnis, dass mir Lust auf mehr Theater gemacht hat. Ich gestehe, dass ich es nicht geschafft habe, am Abend vorher das Buch die Flegeljahre von Jean Paul auszulesen. Ich freue mich jetzt auf die Weihnachtszeit, die Lektüre ist gesichert und eines ist klar – ich gehe nochmals ins Stück … ohne Handy!

Danksagung und Storify von Nachtkritik

Ein dickes Lob gebührt den Schauspielern und dem Regisseur des Stücks: Ihr ward grandios! Zugleich bedanke ich mich sehr herzlich dafür, dass Ihr uns #Flegel ausgehalten und uns ein wunderbares Kunsterlebnis ermöglicht habt – MERCI BEAUCOUP!
 
Für alle, die das Gezwitschere von #Flegel und die Ausdehnung des Theaters in den digitalen Raum nochmals nachlesen wollen, empfehle ich das Storify von Nachtkritik – es lohnt sich!

Die typische Haltung von Twitterern während einer Führung – merci Christian!


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6 Kommentare

  1. Pingback: Tweetup - was bringt es? Von der Idee zur Entwicklung

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  3. Liebe Tanja,
    zunächst einmal Danke für die Erwähnung. Dann finde ich deinen Ansatz, zuerst deine subjektiven Eindrücke wiederzugeben sehr erhellend! Danke auch dafür.

    „Es geht hier nicht um ein “Entweder-Oder” – entweder analoge oder digitale Veranstaltung. Sind darauf Kulturinstitutionen gepolt, dann haben sie bereits verloren, noch bevor sie sich den veränderten Bedingungen gestellt haben. Vielmehr geht es um Integration UND Abgrenzung zwischen analogen und digitalen Kulturvermittlungsprozessen. Paradox, richtig? Das bleibt vorerst ungelöst.“

    Das finde ich einen sehr richtigen und wichtigen Gedanken. Zu einem ähnlichen Thema möchte ich morgen einen Blogpost verfassen, auch angeregt durch den Artikel auf faz.net (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/twitterwochen-im-theater-dramaturgenwitz-12712099.html), der meines Erachtens von nicht sehr viel Verständnis für Netzkultur zeugt und mal wieder, etwa im Schlusssatz, die alte Dichotomie von „live und echt“ vs. „vermittelt und virtuell“ aufmacht, die meines Erachtens schon lange nicht mehr zeitgemäß ist (wenn sie es denn jemals war).

    • Tanja Praske

      Liebe Isabelle,

      den Autor der FAZ nehme ich nicht ernst. Es schreibt ein voreingenommener, rein beobachtender Mensch mit der Erwartungshaltung aus der Hochkultur. Es geht hier nicht darum, real vs. virtuell auszuspielen. #TTW13 war ein Versuch, Theater unmittelbarer erscheinen zu lassen. Ich glaube kaum, dass damit tatsächlich eine jüngere Publikumsschicht gewonnen werden sollte. Dann hätte es tatsächlich noch andere flankierende Maßnahmen geben müssen. Twitter ist ein Rezeptionskanal unter anderen. Hier kamen unmittelbare Eindrücke zusammen. Es wurde gespielt und in Herrgottesnamen – DAS IST LEGITIM und für mich sympathisch!
      Es geht tatsächlich nicht um ein „Entweder-Oder“, der Theaterbesuch wird darüber keinesfalls abgeschafft. Diese leidige Diskussion begegnet mir immer wieder im Museumsbereich und sie ist Nonsense. Social Media Maßnahmen können Appetizer auf den realen Besuch sein. Vor allem aber ist Social Media ein direkter Feedback- und mehr noch ein Kommunikationskanal. Wer nicht kommunizieren will, der sollte dort nicht unterwegs sein. Mir ist nicht bekannt, ob der Autor tatsächlich Twitter-Erfahrung hat. Aber das ist überhaupt nicht wichtig.
      #TTW13 bleibt im Netz erhalten, besitzt Referenzcharakter. Hier wird zukünftig immer geschaut, bevor ähnliches versucht wird. Es wird also darüber gesprochen, über Kultur und Theater und das ist die Voraussetzung die eigene Meinungsbildung anzuregen – nämlich ins Theater, ins Museum zu gehen.
      Es wird weiterdiskutiert werden und das ist richtig und wir werden weiter darüber schreiben und das ist auch richtig, wenn man Kultur liebt.

      Ich freue mich sehr Dich und andere über #TTW13 kennengelernt zu haben – virtuell. Das allein ist schon ein sehr großer Bonus der Aktion. Wünsche Dir eine schöne Weihnachtszeit.

      Herzlich,
      Tanja

    • Tanja Praske

      Lieber Tristan,

      sehr gerne geschehen! Ja, der Blick von der Bühne war fantastisch. Es gibt ihn, den Unterschied in einem Museum zu twittern und live aus dem Theatergeschehen heraus. Die Emotionen während der Aufführung sind extremer, das Hochgefühl noch größer. Beides mag ich, aber diese Twittererfahrung ist und bleibt der Höhepunkt für mich.

      Herzlich,
      Tanja