Full House Crossmedia – Tweetup im Jüdischen Museum München – analoge trifft digitale Kunstvermittlung

Das Foto sagt fast alles über das Tweetup im Jüdischen Museum München am 23. November 2012 aus. Aber auch nur fast. Tatsache … der Blick trügt nicht – Kameras filmen das Tweetup: BR, auch das ZDF waren anwesend – prima! Damit ist das Medienaufgebot noch nicht erschöpft. Die SZ kündigte die Veranstaltung im Vorfeld an und war ebenfalls zugegen. Auch Blogger fanden sich ein. Man darf also gespannt sein wie das Tweetup noch nachbrennen wird. Einige sehr lesenswerte Blogposts gibt es bereits. De facto zelebriert das Twitterevent Crossmedia par excellence, eben Full House. Was ist aber Crossmedia? Und welche Bedeutung hat die neue Art der Kulturvermittlung, die den analogen mit dem digitalen Raum verbindet?

Crossmedia und Tweetup – was ist das?

Mit Schoko-Crossies hat es jedenfalls nichts zu tun. Auch wenn der Genuss über die massive Medienpräsenz bei den Veranstaltern des Tweetups, dem Jüdischen Museum sowie den Kulturkonsorten, groß ist. Die Zahlen sprechen für sich: 836 Tweets, 172.000 unique Accounts erreicht sowie eine Impression von über einer Million erzielt (siehe Nachlese der Kulturkonsorten). Twitterer und Blogger erlebten eine exklusive Führung durch die aktuelle Ausstellung. Die Anwesenden zwitscherten via Handy ihre Erkenntnisse bzw. Eindrücke mit dem Hashtag #kukon in den digitalen Raum. Hier beobachteten, retweeteten und diskutierten Interessierte in der Ferne in Echtzeit mit. Warum aber erwarteten diese das Tweetup? Nun, das Jüdische Museum bewarb das Event via Blog-, Facebook- und Twitterposts. Auch die Kulturkonsorten trommelten über diese Kanäle eifrig und aktivierten ihr digitales und analoges Netzwerk. Darüber hinaus löste der FAZ-Artikel „Twittern im Museum. Von Tweet zu Tweet“ über die Tweetup-Gorillia-Aktionen der Kulturkonsorten im Vorfeld bereits großes mediales Interesse aus. Veranstaltungsblogs sowie SZ wiesen erstmals auf das museale Twitterereignis hin; Fernsehsender kündigten sich an. Et voilà …

Full House Crossmedia

ist erreicht. Gemeint ist die Promotion eines Events (hier: Tweetup), die sowohl über die verschiedenen Social Media als auch über die klassischen Informationskanäle erfolgt. Genau dieser Moment wird treffend im Bild festgehalten: Führerin, Twitterati, Blogger und Journalisten sind vereint. Das Ereignis wird von Ihnen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Crossmedia bedeutet aber mehr. Es wird kein Informations-Einheitsbrei über die verschiedenen Kanäle gekippt. Ob Zeitungsbericht, Blog-, Facebookpost, Twitter oder Youtube – jede Plattform verlangt ihre eigene Ansprache. Eine Doppelung der Inhalte ist ein No Go und funktioniert nicht. Deshalb muss Crossmedia strategisch konzipiert werden. Gleichzeitig setzt es ein tiefes Verständnis für das partizipative Potential der Neuen Medien voraus. Denn die Kommunikation ist hier keine Einbahnstraße, sondern auf den Dialog ausgelegt.

Eine Crossmedia-Strategie kann im Kultursektor ein Transmedia Storytelling, aber auch ein schlichtes Anheizen der Aktion via diverser Social Media Maßnahmen sein. Ein Tweetup bildet dann ein Mosaiksteinchen innerhalb einer Crossmedia-Strategie. Es ist ein erster Peak mit Nachhaltigkeit.

Was bedeutet ein Tweetup für die Kulturinstitution?

Es gibt zwei Möglichkeiten für ein Museum ein Tweetup einzusetzen. Entweder wird es gleich von Anbeginn an in das mediale Konzept der Ausstellungsplanung mit einbezogen, oder aber es wird spotlightmäßig im Verlauf der Ausstellungsdauer eingesetzt, so wie im Fall des Jüdischen Museums. Warum aber macht ein Tweetup Sinn? Die Aufmerksamkeit ist auf das Museum gerichtet via Vorberichte, Echtzeitkommunikation während des Events und Nachberichterstattung. Nachhaltigkeit und Sichtbarkeit sind im Netz gewahrt. Darüber hinaus können Besucher erreicht werden, die das Format reizt und die sonst nicht unbedingt von sich aus ins Museum gekommen wären. Das bestätigt der Blogpost von „Abfallkorb“. Der FAZ Artikel weckte ihre Neugier und so kam sie zum Tweetup. Ihr Fazit ist durchweg positiv und ermutigend:

„Für mich habe ich mitgenommen, dass man bei Tweetups Museen noch einmal auf andere Art und Weise kennen lernen kann. […] Die Kommunikation bei einer Museumsführung ist ja meist eher einseitig auf den Führer beschränkt oder mal ein, zwei Rückfragen. So sieht man anhand der Tweets, was andere für wichtig erachten.“

Das Zitat zeigt perfekt wie hier analoge und digitale Kunstvermittlung eine Einheit bilden. Kultur und Kunst hingegen äußerte Skepsis über die Sinnhaftigkeit eines Tweetups, zugleich aber auch Faszination. Und … sie hat eifrig aus der Ferne mitgemacht – danke! Mir hat das Ping Pong Spiel während der Führung viel Freude bereitet. Ups, ich vergaß zu erwähnen, ich war vor Ort und twitterte auf Englisch und Französisch. Das war mit den französischen #Museogeeks (Kulturschaffende, wie @MuzeoNum) so ausgemacht. Sie warteten auf unsere fremdsprachlichen Tweets. Sie wollten sehen, ob es vergleichbar mit ihren Veranstaltungen ist. Fazit: Ja, es ist. Im Museum bekam ich unerwartet von einer Twitterin Unterstützung. Sie bot mir bereits am Vorabend via Twitter ihre Hilfe an. Aber auch andere beteiligten sich durch fremdsprachliche Tweets – vielen Dank dafür! Teilen, Hilfestellung, Partizipation und Dialog machen das Medium menschlich. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht vor Ort und bedingt im Netz. Das stimmt mich froh und zuversichtlich für diese Art der Kunstvermittlung.

Tweetup nicht rosarot, aber nachhaltig

Die rosarote Brille gibt es nicht. Der ein oder andere Post mag Befremden im Netz auslösen, weil er vielleicht als zu oberflächig und unwichtig eingestuft wird (siehe Diskussion zum Blogpost von Kulturmanager). Nur geht es hier um subjektives Empfinden UND um subjektives Erleben vor Ort. Stimmung und Emotionen spiegeln sich in den Tweets wider. Ziel ist es nicht, ausschließlich Faktenwissen in den digitalen Raum hinauszuschleudern. Höchste Konzentration ist bei einem Tweetup gefordert: Führung lauschen, Werke anschauen, tippen und ggfs. Tweets beantworten. Wenn sich dann der Akku droht zu verabschieden, erfolgt ein digitaler Aufschrei in der Art „Bitte, Akku, halte durch!“. Technik soll den Twitterfuror nicht stoppen. Nachvollziehbar, oder? Das gehört zum emotionalisierten Twitterer vor Ort dazu. Die Erwartungen von einem Tweetup sind sehr verschieden. Grundsätzlich positiv ist aber die Verschränkung von analoger und digitaler Kunstvermittlung. Zudem brennt die Aktion noch nach. Auf Storify können die Tweets nachgelesen werden. Mittlerweile gibt es sechs facettenreiche Blogposts. Neben den bereits genannten Blogposts sind die Beiträge von Schreibstoff und frau Vogel sehr lesenswert. Die Posts beleuchten aus verschiedenen Blickwinkeln die Veranstaltung und sie bleiben dauerhaft im Netz auffindbar.

Mit 172.000 Besuchern im zweiten Stock

Das Jüdische Museum berichtet aus seiner Warte vom Tweetup. Der Post spricht für sich. Die Organisation war perfekt. Offenes WLan im gesamten Gebäude. Eine sehr kompetente Kuratorin Piritta Kleiner führte durch die aktuelle Ausstellung „JUDEN 45/90 – Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion“. War sie am Anfang noch irritiert über die gesenkten Köpfe, konnte sie am Ende humorvoll bestätigen, dass es nicht „so schlimm war, wie sie dachte“, denn Fragen kamen auf. Ich denke, dass die Blogposts und auch Tweets zeigen, dass die Gruppe aufmerksam zuhörte. Das Museum sorgte auch für das leibliche Wohl – danke dafür! Oftmals kehren die Twitterati nach einem Tweetup noch in geselliger Runde irgendwo ein. Dieses Mal blieben wir da. Zum Abschied gab es dann noch eine Tasche mit Lesezeichen, Radiergummi, Bleistift und Block (mit QR-Code – wow) – prima! Am besten lest Ihr Euch den Blogpost durch, schaut die Bilder und Videos an. Crossmedia spiegelt sich hier wieder. Vielen Dank für die perfekte Organisation!

Nachtrag

Auch DRadio Wissen begleitete ein Tweetup – das museup von @dhmfreiheit am 01.02.2013. Ungewöhnlich daran: wegen fehlendes Handynetz im Museum wurden kurzerhand draußen vor dem Museum QRCodes ausgehängt. Diese stellen die Kunstwerke vor. Der Kurator war sehr angetan von dieser neuen Art der Kulturvermittlung. (04.02.2013).

Nach der FAZ schreibt nun die SZ (im Wirtschaftsteil!) über die Chancen von Tweetups im Museum. Diese besondere Form der digitalen Kulturvermittlung rückt mehr und mehr in den Fokus einer größeren Öffentlichkeit und das freut mich sehr! Mehret Euch, Tweetups!

Und hier nun das Interview von @140Sekunden (Online-Format des ZDF) mit dem Kulturkonsorten Christian Gries über Tweetups bzw. Kulturvermittlung im „Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit“ (19.12.2012)

Absoluter Lesetipp: „Twittern als kognitive Ressource im Museum“ via @cogries (06.12.2012). Das ist in meinen Augen die bisher beste Analyse über den Sinn von Tweetups für Kulturinstitutionen. Wir sind erst am Anfang der digitalen Kulturvermittlung. Andere Länder sind Deutschland weit voraus. Lasst uns das ändern!

Empfehlenswerter Blogpost vom @Museumsdienst Köln: „Bloggertreffen in der Art Spiegelman Ausstellung“ im Museum Ludwig (5.12.2012). Wieder fand ein Tweetup in Kombination mit einem Bloggertreffen statt. Und wieder gibt es fundierte Argumente pro digitaler Kulturvermittlung: gezielte Ansprache von Communities im Web2.0. Die daraus resultierenden Blogposts sprechen für sich.

Wer mehr über Crossmedia erfahren möchte, der liest den Post von ABZV Universal Code: „Crossmedia: Eine Sache von Kopf und Können“ (29.11.2012).

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3 Kommentare

  1. Pingback: Tweetup - was bringt es? Von der Idee zur Entwicklung

  2. Dank des #followamuseum heute und der Verknüpfung über Angeli – Italienische Leckereien (@angieincampo, die Namensgeberin) ist übrigens Kuratorin des unter Website genannten Accounts) über diesen wunderbaren Blogpost gestoßen.

    Es zeigt, dass auch in Deutschland eine ganze Menge mit Social Media möglich ist. Ich wünsche mir stets ein wenig mehr Aktivitäten hier in Dresden. Offenes WLAN für solch eine Veranstaltung wie das Jüdische Museum München wunderbar bereitgestellt hat ermöglicht die unmittelbare und direkte der Besucher in und außerhalb der Gebäudemauern, sich am „Gespräch“ zu beteiligen und mehr zu erfahren.

    Grandios geschrieben und ein MUSS für jeden Museumsdirektor, Kurator, und interessierten Museumsgänger, der ein Smartphone oder Laptop sein Eigen nennt und obendrein noch bei Twitter ist.

    Beste Grüße aus Dresden
    Ralf

    http://twitter.com/RalfLippold

    • Tanja Praske

      Lieber Ralf,

      merci beaucoup für das Lob! Auch für Dresden kann sich das sehr schnell ändern #mehrTweetups, immerhin @Steffenster hat schon eines organisiert. Und vielleicht werden es auch bei Euch mehr: Spannende Museen und Kulturinstitutionen in Dresden bieten faszinierenden Stoff für Tweetups und ihr Nachbrennen im Netz.

      Immer mehr Museen entdecken Tweetups für sich. War es am Freitag das @dhmfreiheit in Berlin, ist es das Theater Heilbronn am 16.2.13 und die Villa Stuck am 23.2.13. Bei dem Event in der Villa Stuck bin ich vermutlich vor Ort und zwitschere eifrig. Wäre schön Dich in der TL von #kukon zu lesen und zu diskutieren, zumindest aus der Ferne. Infos zum Tweetup in der Villa Stuck findest du hier: http://kulturkonsorten.de/allgemein/tweetup-franz-von-stuck

      Ja, es hat mich sehr gefreut via #followamuseum auf Euch gestoßen zu sein. Da soll sich noch jemand kritisch über Twitter äußern. Bislang habe ich nur positive Erfahrungen mit dem Medium gemacht, nette Menschen und viel Inspiration darüber gewonnen. Warum Twitter professionell für eine Institution einsetzbar ist, verdeutlicht der Post. Eines ist aber auch klar, Twitter ist ein ergänzendes Medium der Kulturvermittlung. Es soll und wird nicht die klassische Kulturvermittlung ersetzen. Es kann aber Neugier wecken und damit ist schon viel gewonnen.

      Verschneite Grüße aus München,
      Tanja

      P.S.: Wer wissen möchte was #followamuseum ist, kann dies hier nachlesen: http://dermuseumsheld.wordpress.com/2013/02/01/wie-die-alten-sungen-so-zwitschern-die-jungen-der-01-02-ist-followamuseum-day-auf-twitter/